Welche Nachteile Vinyl-Schallplatten haben

Wer etwas in der musikalischen Welt auf sich hält kauft analoge Vinyl-Schallplatten und schreit dies auch bei jeder Gelegenheit in das digitale Universum hinaus.

Die Vorteile liegen dabei ja auch klar auf der Hand: Die über 60 Jahre alte unkomprimierte Schallplatte klingt vermeintlich wärmer, tiefer und besser als herkömmliche digitale Tonträger. Durch die Größe des Covers wird das haptische Erlebnis zusätzlich verstärkt.

Die Unmöglichkeit des hin- und her-„skippens“ führt meistens dazu, dass der Hörer Alben auch öfters wieder vollständig hört. Im Gegensatz zu digitalen Musikmedien, wie 100.000 Songs umfassende MP3-Festplatten-Sammlungen oder 35-CDs-Boxsets, ist nach spätestens 25 Minuten (die maximale Länge einer LP-Seite) ein erstes, absehbares Ende erreicht. Eine beruhigende Tatsache.

Auch der Prozess des „Diggins“, das Suchen und Finden von meistens alten, seltenen Schallplatten-Artefakten, ist eine viel amüsantere Erfahrung als der schnelle Klick bei iTunes oder Amazon. Hinzu kommt, dass der Vinyl-Kauf nicht selten eine lukrative Wertanlage darstellt. Von „politischen“ Gründen für die CD-Abstinenz ganz zu schweigen.

Das in den letzten Jahren wieder mehr, aber immer noch im Verhältnis zu vergangenen Absatzzahlen oder aktuellen CD-Verkaufszahlen erschreckend wenig Leute Platten kaufen, hat sicher auch etwas mit den obsoleten digitalen Speichermedien zu tun.

Viele Nutzer lesen mittlerweile die Daten von den kleinen silbernen Scheiben nur aus, um sie dann auf dem MP3-Spieler oder auf der Computerfestplatte zu verwalten und platzsparend zu transportieren. Zudem gibt es jede Menge illegale Alternativen zum Kauf. Es scheint, als wäre die CD (obwohl immer noch Rückgrat der deutschen Musikindustrie) in Musikliebhaberkreisen bereits nach etwa 20 Jahren im Angesicht des Mediennutzungswandel schon wieder zu einem Auslaufprodukt geworden.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass selbst die Hochphase des Vinyls im Verhältnis zu der dessen Vorgänger der Schellack-Platte zeitlich wesentlich geringer war. Einige Plattensammler – wie der dogmatische Joe Bussard – lehnen noch heute den Vinylkonsum konsequent als modernen Wahnsinn ab.

Doch in Zeiten wo viele Plattenhändler eher potenzielle Abzocker, anstatt verlässliche Kundenberater sind, ähnelt der Schallplatten-Kauf nicht selten der Teilnahme an einer dubiosen Kirmes-Lotterie. Viele gebrauchte und sorgfältig geprüfte Exemplare des immer teurer werdenden Musikgoldes knacken, knistern und leiern selbst nach intensiver Reinigung.

Die Plattenregale sind gefüllt mit schlechten holländischen Pressungen und illegalen Billig-Neuveröffentlichungen, so genannten „Counterfeits“. Und sogar der Klang vieler Neuausgaben von großen Labels ist nicht selten eher bescheiden, da oftmals einfach das griffbereite CD-Master im billigen Ausland auf schlechtem Vinyl gepresst wurde. Der Sound der Platte ist dann, selbst im direkten Vergleich zur günstigeren CD, oft tot und leblos.

Hinzu kommt, dass viele findige Subjekte mittlerweile Platten ohne Rücksicht auf Verluste aggressiv reinigen und abschleifen. Besonders auf Flohmärkten können so seltene Ausgaben an Touristen und sonstige Ahnungslose als neuwertig („Mint“) teuer verkauft werden. Auch wenn dem Sammler eine gut erhaltende Originalausgabe oder eine solide Neuveröffentlichung den Spaß am Platten kaufen erhält; der Kunde weiß folglich im Gegensatz zum CD-Kauf letztendlich selten wirklich genau, was er für sein schwer verdientes Geld auch bekommt.

Auch wenn mit digitalen Medien schwer glaubwürdig als DJ aufzulegen und viel gute Musik überhaupt nie oder erst viel später digital erschienen ist: Der größte Nachteil der klobigen Schallplatte ist allerdings, dass man sie schwer günstig brennen, runterladen oder beliebig vervielfältigen kann. Für echte Musikliebhaber mit begrenzten Budget ein leider immer noch schlagendes Argument.

Ein weiterer Punkt, der einem den Erwerb von gebrauchten Schallplatten gründlich versaut, ist das Internet. Im Zeitalter von Smartphones und einer fast grenzenlosen Informationsverfügbarkeit sind viele Plattenhändler zeitnah über den potenziellen Wert ihrer Ware bestens unterrichtet.

Mittlerweile werden also die meisten Vinyl-Platten gnadenlos durch den Popsike-Filter (eine Website die Ergebnisse von Schallplatten-Auktionen speichert) gejagt. Mit von den Käufern mit generierten horrenden und teilweise unverschämten Preisen als Ergebnis. Denn diese Preise werden ja bezahlt.

Für einige an der Insolvenz schrammende oder gar schwarz agierenden Verkäufer ohne große berufliche Alternativen ein logischer Vorgang. Eine uninteressante Kaufoptionen aber für Schnäppchenjäger und normale Kunden. Vor allem, wenn die neue, remasterte CD-Version nur noch einen Bruchteil von der uralten Schallplatte kostet.

Das Sammeln von seltenen Platten entwickelt sich immer mehr zu einem dekadenten Hobby für gut betagte Menschen. Wurde früher noch eher in Porzellan- oder Briefmarkensammlungen investiert, stehen nun heute vermehrt teure Platten im Fokus der gelangweilten Elite.

Der Turbo-Kapitalismus hat in diese ehemals von vermeintlich linken Besserwissern dominierte Bastion Einzug gehalten. Gnadenlose Vorreiter sind nicht die mit unterm Strich fairen Preisen agierenden Elektrofachmärkte oder Internetversandhäuser, sondern oft der kleine, skrupellose Plattenverkäufer von um die Ecke.

Disclaimer: Dieser Artikel ist erstmalig am 20. August 2008 erschienen. Ich habe ihn am 8. April 2011 aber nochmal stark überarbeitet.

3 Antworten zu “Welche Nachteile Vinyl-Schallplatten haben

  1. Eben, es geht hauptsächlich (so hoffe ich doch) um die Musik.
    Und das Problem bei digitalisierter Musik ist, daß durch Kompression und Dekompression auf digitalem Wege Töne errechnet, bzw. geschaffen werden, die keine Reproduktion des originalen Tones sind.
    Wohingegen analoge Aufnahmen, selbst Schellack-Aufnahmen, die vielleicht nicht so gut klingen, immer eine möglichst exakte Wiedergabe eines stattgefundenen musikalischen Ereignisses sind.
    Leider bekommt man nicht alles auf Vinyl, oder nur sehr viel später, so daß auch ich leider häufig CDs kaufe (mp3s sind sowohl klanglich als auch kulturell, der Untergang jeglicher Hörkultur!).
    Meine Finanzen lassen es dann selten zu, daß ich mir, auch wenn es eine spätere Veröffentlichung auf Vinyl gibt, diese dann auch noch kaufe – höchstens bei meinen Lieblingen wie z. B. „Smokin‘ .44s“, „White Stripes“, „Raconteurs“, „Bob Dylan“ . . .
    Möchte ich jedoch eine ältere Platte erwerben, die ich verpaßt habe, als ich jünger war oder zu jung war, suche ich auf alle Fälle nach einer Original-Vinyl-Pressung bei „The Recordstore Berlin“ (ehemalig „Downtown Records“ – Name wurde vom Gericht nach Protesten diesem Berliner-Techno-Labels-gleichen-Namens verboten.
    Oh, deutsche Richter, was seid Ihr manchmal für …! ) z. B.
    Es gibt nichts Schöneres, als z. B. eine John-Lee-Hooker-Platte von 1965 zu kaufen, die noch völlig in Ordung ist, kaum knistert und einen bombastischen Sound hat.
    Außerdem: Nach spätesten 20 Minuten ist erst einmal Stille, man kann in Ruhe eine neue Flasche Wein öffnen, ein Gespräch führen, ja sogar vielleicht eine andere Platte auflegen.
    CDs schalte ich oft nach der Hälfte (oder so) aus, da mir die Dauerberieselung dann auf den Geist geht.
    Also noch einmal für alle, die es noch nicht gemerkt haben:
    VINYL RULES!

  2. Hallo lieber Plattenjunkie, Ich habe noch jede Menge alte Punk, Metal und Hardcorescheiben tief in meiner Schatzkammer, werde aber auch nach wiederholten Nachfragen diese erst öffnen, wenn die Zeit reif ist.

    mit verstaubten Sammlergrüßen

    Dr. D. Hölle

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