Der Gitarrist und seine erste Gitarre

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Irgendwie war sie schon immer da. Die alte Western-Gitarre im Keller meiner Eltern. Als ich Anfang der 1990er Jahre mit dem musizieren begann, war ich mit meiner zu Weihnachten geschenkten Konzert-Gitarre etwas unzufrieden. Schließlich wollte ich meinen Helden Bob Dylan, Bruce Springsteen und Johnny Cash Konkurrenz machen. Nylonsaiten auf einer klassischen Gitarre waren dafür aber nicht unbedingt von Vorteil.

Da fiel mir die alte Gitarre wieder ein. Doch leider hatte ich viele Jahre zuvor das Musikinstrument meinem Freund und späteren Bassisten meiner Band (Reebosound) beim Geisterbahnspielen auf seinem Kopf zerschlagen und damit dem Gerät schwere Schäden zugefügt. Eine Knappheit an finanziellen Mitteln und ein Übermaß an kreativer Energie führten dazu, dass ich das Instrument dann selber reparierte. Viel Holzleim, Farbe, die eigentlich für die Segeljacht meiner Eltern bestimmt war und abgesägte Besenstilstücke verhalfen dem alten Instrument zu neuer Form.

Zehn Jahre später erfuhr ich dann von meinem Onkel, der seiner Schwester und meiner Mutter die Klampfe in den 1980er Jahren mal geschenkt hatte, die Vorgeschichte der musikalischen Axt: Die Frau seines großen Bruders kaufte in den späten 1960er Jahren die Gitarre im Urlaub in Spanien. Dann trotzte sie einige Zeit lang den Witterungen auf deren deutschem Balkon. Mein musikalischer Onkel hatte Mitleid, erlöste die Seele des Instrumentes und überarbeitete es mit einem Kollegen während des Genusses von alkoholischen Getränken.

Auf dieser Gitarre habe ich dann spielen gelernt und hunderte Songs damit aufgenommen. Obwohl sie nicht mehr richtig zu stimmen ist und viele merkwürdige akustische Interferenzen produziert, hört sie sich auf Aufnahmen noch relativ gut an. Weihnachten 2008 wurde damit dann auch das Lied “Red Eyed Strangers“ von mir alleine in meinem Zimmer eingespielt (Download; zu hören ist die Gitarre dort im Stereo-Bild auf der linken Seite).

Von meinen vielen Gitarren ist diese immer noch meine Wertvollste. Sie erinnert mich an meine Familie und an meine eigenen (musikalischen) Wurzeln. Und sie wird bis zu meinem Tod hoffentlich noch an meiner Seite bleiben und danach Angehörigen vererbt werden.

Dieser Text ist auch hier bei WELT ONLINE erschienen.

Hank Williams verlorene Bootleg-Schätze

Die meisten Songwriter schreiben in ihrem Leben (wenn überhaupt) nur eine Handvoll wirklich guter Lieder. Einer der wenigen der an eine Ausnahme dieser Regel mit dem Namen Bob Dylan heranreicht (wenn sie nicht sogar übertrifft) ist der unsterbliche Countrymusiker Hank Williams. Kaum ein Anderer hat mit einer so hohen Frequenz Jahrhundertsongs wie am Fließband geschrieben wie diese amerikanische Countryikone. Umso erstaunlicher ist, dass man sogar über 50 Jahre nach Hanks Ableben noch immer neue Hits von ihm identifizieren kann.

Ein gutes Beispiel dafür ist der von Johnny Cash auf seinem letzten offiziellen Album American V – A Hundred Highways gecoverten Begräbnissong On The Evening Train. Der Protagonist in dem Lied beerdigt seine Frau und bittet Gott ihm beizustehen um ihm und seinen Kindern ein Weiterleben zu ermöglichen. Hank soll diesen Song mit seiner Frau Audrey zusammen geschrieben haben. Aber weder auf dem opulenten Boxset The Complete Hank Williams (wo ja eigentlich alles von Hank Williams drauf sein sollte), noch auf der Demo Compilation Rare Demos: First To Last oder der am Beginn seiner Karriere im Jahre 1949 aufgezeichneten Live CD Health & Happinesss Shows ist dieser Track zu finden.

Wie bei den Health & Happinesss Shows handelt es sich auch bei den Mother’s Best Flour Transciptions um “gebootlegde” Radiosendungen in denen Hank Williams auftrat. Die Mother’s Best Flour Transciptions sind jedoch (noch) nicht erschienen und man könnte vermuten, dass sich On The Evening Train in diesen Sets befindet. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass Hank das Lied nie richtig offiziell aufgenommen hat.

Wie Johnny Cash diesen Song dann gefunden hat ist auch nicht ganz klar. Er gehört aber sicherlich mit zu den besten Recordings des Man In Black der späteren Jahre. Besonders wenn man im Hinterkopf behält, dass zu der Zeit der Aufnahme seine Frau June Carter Cash beerdigt wurde, bekommt das Lied eine extrem tragische Doppeldeutigkeit. Die Originalversion würde ich aber irgendwann trotzdem gerne mal hören.

You Really Got Me – Der erste Heavy Metal Song

Von vielen Musikkritikern wird der Beatlessong I Want You (She’s So Heavy) vom Album Abbey Road aus dem Jahre 1969 als eines der ersten Heavy Metal Stücke angesehen. John Lennon und George Harrison spielten bei der Aufnahme so viele Gitarren ein, bis der Gesamtklang sich so “heavy” anhörte wie es sich Lennon vorstellte.

Und beim genauen hinhören erkennt man in der Tat wie sehr sich das Arrangement und die Spielweise von I Want You (She’s So Heavy) und spätere Heavy Metal Kompositionen wie etwa Slayers Season In The Abyss ähneln. Folgerichtig nahmen das Lied auch Metalbands wie Type O Negative oder Beatallica auf.
Als wesentlich wichtigere Grundlage für weitere Hard Rock und Punk Rock Riffs kann man allerdings den über fünf Jahre zuvor aufgenommen Song You Really Got Me von der britischen Band The Kinks ansehen.

Diese dritte Single der Band wurde von ihrem (späteren) Kopf Ray Davis geschrieben und verhalf The Kinks zum internationalen Durchbruch. Nach zwei Wochen an der Spitze der englischen Singlecharts landete der Song auch auf dem selbstbetitelten Debütalbum der Gruppe und festigte im Rahmen der British Invasion dadurch auch deren Status in Amerika. Eigentlich erstaunlich, wenn man den kaputten Gitarrensound der Aufnahme berücksichtigt.

The Kinks standen Mitte des Jahres 1964 unter immensen Druck von ihrer Plattenfirma Pye. Die ersten beiden Singles waren geflopt und der dritte Versuch hätte bei mangelnden Erfolg auch der Letzte sein können. Im Sommer 1964 wurde dann You Really Got Me zunächst in mehreren Versionen aufgenommen, bevor der endgültige Mastertake auf Band gelangte. Der radikale Gitarrensound kam dabei deswegen zustande, weil Dave Davies, Gitarrist und Bruder von Ray, den Lautsprecher seiner Gitarrenbox mit einer Rasierklinge bearbeitete.

Um das wahnsinnige Gitarrensolo des Liedes ranken sich wohl die mit legendärsten Mythen der Rockgeschichte. Obwohl es höchstwahrscheinlich von dem damals erst 17-jährigen Dave Davies persönlich gespielt wurde, tauchten von jeher immer wieder Gerüchte auf, dass Jimmy Page, seines Zeichens der zukünftige Gitarrist von den Yardbirds und Led Zeppelin, dabei seine Finger mit im Spiel hatte. Page wurde zwar kurz darauf vom The Kinks Produzenten Shel Talmy als Rhythmusgitarristen des ersten The Kinks Albums angeheuert, spielte aber wahrscheinlich nie selber das eigentliche Solo.

Allerdings war der spätere Deep Purple Keyboarder Jon Lord bei You Really Got Me mit von der Partie. Auf Wunsch des Produzenten spielte auch des Sessionsmusiker Bobby Graham im Gegensatz zum damaligen regulären The Kinks Drummer Mick Avory das Schlagzeug bei der Aufnahme ein.

Das Lied hat dann auch alles was einen klassischen Rocksong der härteren Gangart ausmacht: Ein prägnantes und einfaches Gitarrenriff, treibende Schlagzeugbeats, grölende Backgroundgesänge, einen simplen Text, sowie eine einprägsame Gesangslinie. Kein Wunder das es zu den am meisten gecoverten Stücke der Musikgeschichte gehört. Versionen von Robert Palmer, Van Halen oder zuletzt von dem Frauen-Electro-Clash Duo Robots In Disguise tauchen immer wieder auf. You Really Got Me ist zu so etwas wie einer musikalischen Blaupause für Hard Rock Songs geworden.

The Kinks spielen You Really Got Me:

Townes Van Zandt und Bob Dylans Kaffeetisch

“Townes Van Zandt is the best songwriter in the whole world and I’ll stand on Bob Dylan’s coffee table in my cowboy boots and say that.” Mit diesen Worten huldigte Townes Van Zandts Zögling Steve Earle seinem musikalischen Meister. Während man die Musik von Bob Dylan seit Jahrzehnten in fast jedem Coffeeshop oder an jeder Tankstelle kaufen kann, ist es in Deutschland gar nicht so einfach Van Zandts frühe Platten zu erstehen.

Die Musik von Townes Van Zandt ist der Mehrheit sicherlich durch die erfolgreichen Interpretationen der 1980er Jahre von bekannten Musikern im Ohr. Besonders zu erwähnen ist da die Pancho & Lefty Version von Merle Haggard und Willie Nelson, sowie der Song If I Needed You, neu interpretiert von Emmylou Harris und Don Williams.

Eines der größten frühen Werke von Townes Van Zandt ist das selbstbetitelte dritte Album aus dem Jahre 1969. Überwiegend spärlich instrumentiert, nur Townes an seiner gezupften Gitarre begleitet von Geige, Flöte oder Mundharmonika, widmet sich der Sänger Themen mit verzweifelten und aussichtslosen Untertönen. Drei der Lieder des Albums waren schon auf dem Debütalbum aus dem Jahre 1968 enthalten. Eine Vorgehensweise die symptomatisch für die Arbeitsweise von Van Zandt werden sollte, da er oftmals mit den früheren Versionen nicht mehr zufrieden war und sie deshalb neu aufnahm. Auf seinem dritten Album vereint Townes jedoch eine unglaublich tiefe melancholische Stimmung mit einer brillanter poetischer Lyrik, welche keine Füller auf dem Album zuläst.

Fast auf die Minute genau 44 Jahre nach dem Tod seines großen Vorbildes Hank Williams Sn. erlag auch Townes Van Zandt am Neujahrsmorgen 1997 einem Herzinfarkt. Nicht zuletzt analog zu seinem Idol auch als Folge davon, dass er manisch-depressiv, drogen- und bis zuletzt alkoholabhängig war. Seit frühster Jugend hatte er jedoch regelmäßig Songs geschrieben, Platten aufgenommen und Konzerte gespielt.

Kurz vor seinem Tod versuchte Townes noch unter der Anleitung von Sonic Youth Schlagzeuger Steve Shelley im Studio an neuen Liedern zu arbeiten. Die Sessions wurden jedoch wegen dem schlechten mentalen und körperlichen Zustand von Townes abgebrochen.

Auf die Ehrzuweisung durch Steve Earle reagierte Van Zandt übrigens mit den Worten. “I’ve met Bob Dylan and his bodyguards, and I don’t think Steve could get anywhere near his coffee table.” Auch eine Erklärung dafür, warum seine Musik heute so schwer zu erwerben ist.

Townes Van Zandt spielt im Jahre 1993 seinen bekanntesten Song Pancho & Lefty in der TNN “American Music Shop” Show:

To Ramona – Ein Bob Dylan Song im Laufe der Zeit

Zwischen den beiden unten als Video aufgeführten Performances von dem Bob Dylan Song To Ramona liegen fast 25 Jahre. Beide Versionen des selben Liedes haben trotzdem auf unterschiedlichste Arten etwas Unwiderstehliches.

Bob Dylans offener Abschiedsbrief an eine verblasste Liebe tauchte erstmalig auf dem im Rotweinrausch am Abend des 9. Juni 1964 in nur einer Session vor wenigen Freunden eingespielten vierten Album Another Side Of Bob Dylan des Songschreibers auf. Ähnlich wie Don’t Think Twice, It’s All Right oder It Ain’t Me, Babe hat auch To Ramona Dylans Ende seiner Beziehung zu der Schauspielerin Suze Rotolo als Hintergrund.
Im Gegensatz zu Bob Dylans vielen politischen Songs aus der Zeit ist To Ramona einer seiner persönlichsten und zugleich literarischsten Songs. Bis heute hat sich das Lied im Liveset von Bob Dylan gehalten und im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Wandlungen durchgemacht.

Die Liveversion aus dem Frühjahr des Jahres 1965 wurde von dem Filmemacher D. A. Pennebaker im Rahmen der Dreharbeiten zu dem Bob Dylan Film Don’t Look Back während der Englandtour des Sängers gemacht. Als Outtake ist diese Version auf der Deluxe Edition des Ende April diesen Jahres endlich erschienen offiziellen DVD Version des Filmes enthalten.
Dylans jugendliche Energie erzeugt beim Zuhörer fast ein Gefühl des körperlichen Schwebens und steht damit im Gegensatz zu der eher blusigen Liveversion aus dem Jahre 1989.

Im März und April des Jahres 1989 hatte Dylan in New Orleans unter der Fittiche von Daniel Lanois durch das späte Meisterwerk Oh Mercy wieder erneut seinen Fuß auf die musikalische Landkarte gestemmt. Mit Beginn der sogenannten Neverending Tour im Jahre 1988 hatte Dylan aus dem Desastern der Touren der 1980er Jahre mit den Grateful Dead oder Tom Petty And The Heartbreakers gelernt und neue Energie getankt. Und so sprüht auch diese spätere Version vor Energie und virtuosen Gitarrenspiel, scheint aber die Lebensweisheit von 25 Jahren weitern Jahren zu beinhalten. So unterschiedlich beide Versionen scheinen mögen, sie zeigen die Vielfältigkeit von Bob Dylan und seinen Songs und machen eine Entscheidungen zu Gunsten von einer der beiden Interpretationen unmöglich.

To Ramona – Live Frühjahr 1965 (England):

To Ramona – Live 27.10.1989 (Troy, New York):