Der Gitarrist und seine erste Gitarre

Februar 27, 2009

gitarre

Irgendwie war sie schon immer da. Die alte Western-Gitarre im Keller meiner Eltern. Als ich Anfang der 1990er Jahre mit dem musizieren begann, war ich mit meiner zu Weihnachten geschenkten Konzert-Gitarre etwas unzufrieden. Schließlich wollte ich meinen Helden Bob Dylan, Bruce Springsteen und Johnny Cash Konkurrenz machen. Nylonsaiten auf einer klassischen Gitarre waren dafür aber nicht unbedingt von Vorteil.

Da fiel mir die alte Gitarre wieder ein. Doch leider hatte ich viele Jahre zuvor das Musikinstrument meinem Freund und späteren Bassisten meiner Band (Reebosound) beim Geisterbahnspielen auf seinem Kopf zerschlagen und damit dem Gerät schwere Schäden zugefügt. Eine Knappheit an finanziellen Mitteln und ein Übermaß an kreativer Energie führten dazu, dass ich das Instrument dann selber reparierte. Viel Holzleim, Farbe, die eigentlich für die Segeljacht meiner Eltern bestimmt war und abgesägte Besenstilstücke verhalfen dem alten Instrument zu neuer Form.

Zehn Jahre später erfuhr ich dann von meinem Onkel, der seiner Schwester und meiner Mutter die Klampfe in den 1980er Jahren mal geschenkt hatte, die Vorgeschichte der musikalischen Axt: Die Frau seines großen Bruders kaufte in den späten 1960er Jahren die Gitarre im Urlaub in Spanien. Dann trotzte sie einige Zeit lang den Witterungen auf deren deutschem Balkon. Mein musikalischer Onkel hatte Mitleid, erlöste die Seele des Instrumentes und überarbeitete es mit einem Kollegen während des Genusses von alkoholischen Getränken.

Auf dieser Gitarre habe ich dann spielen gelernt und hunderte Songs damit aufgenommen. Obwohl sie nicht mehr richtig zu stimmen ist und viele merkwürdige akustische Interferenzen produziert, hört sie sich auf Aufnahmen noch relativ gut an. Weihnachten 2008 wurde damit dann auch das Lied „Red Eyed Strangers“ von mir alleine in meinem Zimmer eingespielt (Download; zu hören ist die Gitarre dort im Stereo-Bild auf der linken Seite).

Von meinen vielen Gitarren ist diese immer noch meine Wertvollste. Sie erinnert mich an meine Familie und an meine eigenen (musikalischen) Wurzeln. Und sie wird bis zu meinem Tod hoffentlich noch an meiner Seite bleiben und danach Angehörigen vererbt werden.

Dieser Text ist auch hier bei WELT ONLINE erschienen.


Zusammen mit den Trashlords im Kulturpalast

Oktober 28, 2008

kulturpalast

Am letzten Mittwoch (22.10.2008) hatte ich die Ehre im Kulturpalast in meiner alten Heimat Hannover-Linden ein paar Songs zu singen. Im Rahmen des Mittwochspalast wurden eine eher akustische Instrumentierung erwartet.

Begleitet wurde ich dem Anlass angemessen von der mir loyalen Hannoveraner Band The Trashlords. Mit nur zwei Proben hatte die Gruppe einen fantastischen Job absolviert und das Gefühl des „nach Hause kommens“ bei mir nachhaltig verstärkt.

Dem Konzert lag der Grundgedanke zugrunde, die informellen Wohnzimmer-Sessions, die wir bereits seit Weihnachten 2007 immer wieder mal in Hannover abgehalten haben, auch einmal auf die Bühne zu bringen. In einem Zeitraum von ungefähr einem halben Jahr hatten wir mit den unterschiedlichsten Leuten an den unterschiedlichsten Instrumenten um die 140 Songs mit meinem Laptop aufgenommen.

Die größtenteils als “First Take” eingespielten Lieder waren meistens Eigenkompositionen von Cyman Lee oder von mir. Wir sangen allerdings auch einige Coverversionen. Hier und hier hatte ich darüber schon einmal detaillierter berichtet.

Da ich das Konzert gebucht hatte und über die größten egomanischen Vorraussetzungen der ganzen Gruppe verfüge, war es nur folgerichtig bei dem Konzert auch ausschließlich Songs von mir zu spielen. Ein besonderes Highlight dürfte dabei die Zugabe mit dem zum ersten Mal Live aufgeführten 16-Minuten-Song Fotos von den Tagen sein.

Und wie es sich für die Web 2.0 affine Zielgruppe richtig verhält, wurde dieser Event medial größtmöglichst ausgeschlachtet. Mit meinem neuem Zoom H2 Handy Recorder habe ich das Konzert, sowie die zweite und letzte Probe mitgeschnitten. Zudem hat mein Vater das komplette Konzert mit einer Digitalkamera festgehalten. Außerdem haben mein Bruder und Sven Missullis Bilder und kurze Videos mit iPhone und Handy gemacht.

Das Konzert hatte mir dann auch Spaß bereitet wie selten zuvor. Ein ausschließlich positives Feedback erweckte bei mir den Eindruck, dass es auch dem überschaubaren Publikum gefallen hatte. Das schönste Kompliment kam allerdings von meinem Vater, der zusammen mit meiner Mutter zum ersten Mal ein Konzert von mir live miterleben durfte: Er attestierte mir eine große künstlerische Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Und mehr als das man immer weiter Fortschritte macht, kann man sich als Musiker und Künstler auch gar nicht wünschen.

Setlist:
01. You’re The One That Got Away
02. Let’s Play Hardball
03. Without Feathers You Can’t Fly
04. Big Buildings And Small Faces
05. Nice Guys Finish Last
06. Gettin’ Even
07. Western Adventure
08. Almost Empty
09. Auf verlorenem Posten
10. Zu gut für diese Welt
11. Red Carpet Events
12. Lest we Forget
13. Fotos von den Tagen

Mit den Trashlords im Kulturpalast, Hannover 2008:
„Big Buildings And Small Faces“


„Fotos von den Tagen“


Eine musikalische Reise nach Hannover-Linden

August 13, 2008

Seit Weihnachten 2007 fahre ich ungefähr einmal im Monat in die alte Heimat nach Hannover-Linden, um dort mit alten Weggefährten informelle Wohnzimmer-Musik-Sessions abzuhalten. In diesem Zeitraum haben wir bis jetzt 106 Lieder mit meinem Laptop Live und ohne groß zu zögern aufgenommen.

An diesen in der Regel akustischen Ereignissen waren bisher folgende Musiker beteiligt: Cyman Lee (The Trashlords, Zoonamii), Sarge (The Trashlords, Zoonamii, Disco Darlings), Olli (Greener), Ben Blome, Niklas Pfeil (van Heugen, Ella, Reebosound), W. Hank Daniels, Frank Meusel (H.O.R.E.) und meine Wenigkeit. Dabei kamen Instrumente wie Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mandoline, Akkordeon, Glockenspiel, Mundharmonika und diverse Perkussiongeräte zum Einsatz.

Die größtenteils als „First Take“ aufgenommenen Songs waren meistens Eigenkompositionen von Cyman Lee oder von mir. Allerdings spielten wir auch einige Coverversionen von so illusteren Songwriting-Genies wie Bob Dylan, Merle Haggard, Guy Clack, David Allen Coe, Kris Kristofferson, Mono für alle!, Hank Williams, Tom Petty, Bruce Springsteen, John Prime, Kinky Friedman, Hank III, John Fogerty oder Willie Nelson.

Letztes Wochenende war es dann wieder soweit: Mit einer über die Mitfahrgelegenheit gebuchten unorthodoxen Reisemöglichkeit begab ich mich etwa 300 Kilometer weiter westwärts. Aufgrund urlaubsbedingter Fehlzeiten fanden die Aufnahmen diesmal nur in einem eher kleineren Rahmen, bestehend aus Frank, Sarge, W. Hank Daniels und mir, statt. Folgende neun Songs haben wir aufgenommen. Einige könnt Ihr Euch auch hier anhören und runterladen.

Update: Jetzt gibt es auch einen Song mit W. Hank Daniels an den Lead-Vocals hier zu hören. Und zwar: Country Heroes.

Jens Kupillas & The Trashlords
(feat. W. Hank Daniels & Frank Meusel)
The Street Fighting Men Session

01 Old Friends
02 My Humble Heart
03 Country Heroes
04 In Every Life A Little Rain Must Fall
05 The Ballad Of Ira Hayes
06 Long Haired Redneck
07 With The Old Breed
08 Without Feathers You Can’t Fly
09 Sold American


Das neue Album von Reebosound und Sven Missullis

Juni 19, 2007

Lange sind die 1990er-Jahre noch nicht vergangen. Die musikalische Sozialisation im wahrscheinlich zeitlosesten Musikjahrzehnt merkt man den Hannoveraner Reebosound auch teilweise an. In der klassischen Nirvana-Trioformation wird gespielt was die Röhren und Drumfelle hergeben.

Die Bandinfo zeugt bei dieser Gruppe dann auch von einem guten Maß an Selbstrefflektion, wenn der eigene Sound mit Helden wie den Pixies oder Dinosaur jr. verwandschaftet wird. Eine Prise amerikanischer Bands der Marke Green Day, Hüsker Dü oder sogar Blink 182 sind sicherlich für manchen Hörer auch nicht ganz wegzuwehen. Umso erstaunlicher ist das dieses Projekt als 100-Prozenttiger Solotrip entstand. Die eigentliche Liveband und aktuelle Formation kam erst viel später.

Viele populären Soloprojekte sind in Wirklichkeit gar keine richtigen Ein-Mann-Unternehmungen im eigentlichen Sinne. Der Hauptprotagonist schreibt zwar oftmals die relevanten Teile der Musik und ist meistens auch für den Hauptgesang verantwortlicht, für die Instrumentierung, Produktion, Promotion, etc. zeichnen sich dann jedoch meistens die im Kleingedruckten verewigten Helfershelfer ab.

Nicht so bei Reebosound. Sven Missullis, das sympathische Mastermind dieser Band, war zu Beginn größtenteils für Songwriting, Produktion, ja sogar für Artwork und Promotion alleine verantwortlich; spielte alle Instrumente selber ein und sang auch komplett die wahrzunehmenden Stimmen.

Eine der schönsten Dinge an Musik im Allgemeinen ist, dass so viele unterschiedliche Herangehensweisen dazu existieren. Sven Missullis hat in den letzten 15 Jahren eine Vielzahl davon exzessiv ausprobiert. In jungen Jahren Anfang der 1990er Jahre als Rhythmus Gitarist der Grungeband Erol Beautiful zu lokaler Berühmtheit aufgestiegen, wechselte Missullis bald effektiv zum Schlagzeug und nahm mit der Band 11 Toes neben einer Single im Jahre 1996 auf dem Hamburger Indielabel Beri Beri Records den frühen deutschen Emocoreklassiker Pinch auf.

Mit dem Wechsel zur Stonerockkombo Payola um den Sänger/Texter Timo Lommatzsch (später The Mandra Gora Lightshow Society und heute unter anderem The Psychedelic Avengers) und Gitarrist Jens Freudenberg (heute Gods Of Blitz) folgten eine Vielzahl von beachtlichen Rockplatten und legendäre Tourneen (unter anderem mit Nordlichtern Smoke Blow und den Sissies).

Doch damit war noch lange nicht Schluss. Auf der Suche nach neuen musikalischen Horizonten verdingte sich Sven Missullis in so unterschiedlichen Positionen wie als Bassist der Disco Darlings, Sänger und Gitarrist der Freundschaftsband Zoonamii, Mischer/Produzent von Bands wie Drive By Shooting oder den Stonedudes und als viel gefragter Livedrummer.

Das bisher ambitionierteste Projekt sind sicherlich die aktiven The Psychedelic Avengers. Imaginäre, akustische Weltraumabenteuern mit unzähligen von Mitstreitern (Urlaub In Polen, Knarf Rellöm, uvm.) auf bisher zwei veröffentlichten Platten.

Nach einer Homerecording EP (schlicht „Demos“ betitelt) erscheint nun am 6. Juli 2007 auf dem kleinen aber feinen Indie-Label Two Records im Vertrieb von Broken Silence das offizielle und selbstbetitelte Reebosound Debüt. Parallel dazu ist Online ein Livealbum erhältlich. Aufgenommen wurde dies von dem potentiellen Erben des noch sehr lebendigen George Martin Willi Dammeier in einem der besten Liveclubs Deutschlands: dem Béi Chéz Heinz in Hannover-Linden.

Dieses Album kann man sich kostenlos hier runterladen. Mit fünf Songs von dem kommenden Album ein perfekter Vorgeschmack auf das neue Werk. Neue Songs und eine Tour sind bei den durch Arne Borchard und Toni Karnas zum Trio erweiterten Reebosound in Arbeit.

Denkt man bei einer kompromisslosen Hinwendung zur Musik und Kunst zunächst an die über das dafür notwendige Kleingeld verfügenden Rockstars oder Elitekünstlern wird dabei jedoch oft unterschlagen, dass dies auch im Kleinen sehr Wohl funktionieren kann. Reebosound ist der beste Beweis dafür.

Sven Missullis macht das wo er am Besten bei aussieht: Schlagzeugspielen in einem fahrenden Zug mit der Berliner Punkband Drive By Shooting:

Das Video zur ersten offiziellen Reebosoundballade „Poor Old Sun“: