Woody Allen spielt George Gershwin in Manhatten

Trotz medial ausgeschlachteter privater Ausschweifungen bleibt Woody Allen einer der wichtigsten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Besonders auffällig ist die Vielseitigkeit seines Werkes, welches trotz der Unterschiedlichkeit immer die unverkennbare Handschrift des New Yorkers trägt. Und analog zu Alfred Hitchcock hat Allen auch nie einen wirklich schlechten Film gemacht.

Der oft als eine Fortsetzung seines Oscarprämierten endgültigen Durchbruchsfilm Annie Hall (zu deutsch: Der Stadtneurotiker) aus dem Jahre 1977 angesehene und dritte Teil seiner New York Trilogie Manhattan aus dem Jahre 1979, unterscheidet sich dann doch etwas von seinem bisherigen filmischen Werk.

Ähnlich wie in seinen vorrangegangen Filmen setzt Woody Allen zwar in Manhattan seine romantische Auseinandersetzung mit dem Beziehungsdschungel neurotischer New Yorker Intellektueller fort. Getragen wird dies jedoch im Gegensatz zu seinen vorherigen Filmen zum ersten Mal in einer im Cinemascope Aspect Ratio (2.35:1) Format gefilmten Schwarz-Weiß Ästhetik, sowie durch einen ernsten Unterton und der musikalischen Untermalung von Klängen von dem unsterblichen amerikanischen Komponisten, Pianisten und Dirigenten George Gershwin.

Die Musik von Gershwin kann dabei auch in entfernter Weise als eine Metapher für den Film verstanden werden. Zeichnete sich bisher Woody Allen als begeisterter Jazzfan und Jazzmusiker aus, welcher im Vorspann und auch sonst in seinen Streifen gerne Jazzmusik zum Einsatz brachte, kann Manhattan inklusive die Verwendung von Gershwins Musik, als eine verstärkte Hinwendung zu ernsteren künstlerischen Ausdrucksformen verstanden werden.

George Gershwin und sein Bruder Ira waren einer der einflussreichsten modernen Komponisten überhaupt. Neben einigen klassischen Werken zeichneten sie sich vor allem in den 1920er und 1930er Jahren auch als Urheber für viele Broadwaystücke und Filme aus und schrieben bis heute gespielte Klassiker und Jazz-Standards.

Eines der Hauptwerke von George Gershwin ist die auch in Allens Manhattan verwendete und erstmals am 12. Februar 1924 in der Aeolian Hall in New York aufgeführt Rhapsody in Blue. Gershin verbindet da drin vordergründig gegensätzliche Musikstile wie Jazz und Klassik und steht damit potentiell parallel zu Allen, welcher in Manhattan auch unterschiedliche Filmgenres wie Komödie oder Drama verbindet.

Wenn man sich auf die polarisierende Person Woody Allen bereit ist einzulassen sind die meisten seiner Filme heutzutage immer noch ein zeitloser Genuss.

P. S. In einer Hauptrolle ist die Enkelin Mariel Hemingway des Schriftstellers Ernest Hemingway als 17-Jährige Allen Geliebte Tracy zu sehen.

Lou Reeds “Most Depressing Album Of All Time”

Eines der schlimmsten Verbrechen, welches man sich als Wahlberliner schuldig machen kann, ist sich negativ über die neue deutsche Hauptstadt zu äußern. Dann schließen sich schnell die Reihen und Menschen der unterschiedlichsten Couleur und politischer Gesinnung stehen sofort Gewehr bei Fuß um ihre geliebte Heimat zu verteidigen. Lou Reed hat mit seinem Album Berlin aus dem Jahre 1973 zwar nicht viel über das Spreeathen des Ostens an sich gesagt; die ehemals geteilte Stadt jedoch als plausible Metapher verwendet.

Rückbetrachtend wird das dritte offizielle Soloalbum von Lou Reed meistens als Gegenreaktion auf den massiven Erfolg des Vorgängers Transformer und den Megahit Walk On The Wild Side gewertet. Diese kommerzielle Aufmerksamkeit überraschte nicht nur die Musikindustrie, sondern auch Lou Reed selber. Berlin sollte im Kontrast zum euphorischen Vorgänger und Glamrock Klassiker das “Most Depressing Album Of All Time“ werden.

Zusammen mit Jack Bruce, Steve Winwood, Aynsley Dunbar, Tony Levin und weiteren Sessionmusikern nahm Lou Reed (selber ungewöhnlicher Weise an der Akustikgitarre) ein depressives und überladenes Album über Beziehungskrisen und Drogenmissbrauch auf. Obwohl die meisten Songs älter und schon zum Teil auf vorherigen Alben veröffentlicht worden waren, kam es wie es kommen musste: Das heute als einer der Klassiker der 1970er Jahre und als ein Meilenstein im Genre Konzeptalbum geltende Album viel bei Publikum und Kritik fatal durch.

Heutzutage erscheint dies zum einen durch die ungewöhnliche Instrumentierung, die bombastische Produktion von Bob Ezrin und die negative Stimmung einerseits verständlich. Andererseits irritiert an dem damaligen Urteil die Schönheit und über weite Strecken doch relative Eingängigkeit der Songs. Lieder wie Lady Day, Caroline Says I und Men of Good Fortune beinhalten für heutige Verhältnisse ohrwurmartige Melodien und lassen die Trommelfälle beim hören höher schlagen. Weit entfernt sind diese Soundkollagen von den diffusen Indie-, Punk-, Noise- und Avantgardearien der noch folgenden Jahrzehnte.

Im Jahre 2007 erfüllte sich Reed dann einen langgehegten Traum, indem er das Album mit einem gigantischen Personalaufwand auf die Bühnen der Welt brachte. Diesmal mit mehr Erfolg als bei der Veröffentlichung.

Lou Reed singt in Paris im Jahre 1974 den von Billie Holiday insperierten Song Lady Day:

Steve Earle und die Washington Square Serenade

Seit dem Album The Revolution Starts…Now aus dem Jahre 2004 ist es ungewöhnlich still um Steve Earle geworden. Zuvor veröffentlichte der Songwriter im Jahrestakt für fast zwei Jahrzehnte gute Alben. Nun kehrt der Grammy Award Gewinner am 25. September mit seinem neuen Album “Washington Square Serenade” zurück.

Die Songs auf dem Album sollen von der Stadt New York inspiriert worden sein, in welcher der Südstaatler Earle nun seit etwa einem Jahr wohnt. Aufgenommen wurde das Werk im legendären Electric Lady Studio unter der Aufsicht von dem Produzenten John King von den Dust Brothers.

Neben einer Coverversion des Tom Waits Klassikers Way Down In The Hole beinhaltet das Album auch das Duett “Days Aren’t Long Enough” von Earle mit seiner Frau Allison Moorer und die Antwort “Tennessee Blues” auf den ersten Steve Earle Hit Guitar Town aus dem Jahre 1986. Bei dem Song “City Of Immigrants” soll sogar die Band Forro In The Dark mit traditioneller brasilianischer Musik mit dabei sein.

Des weiteren spielt Steve Earle die Rolle des “Waylon” in der US-Serie The Wire, betreibt Samstagabends die einstündige Radiosendung The Steve Earle Show und arbeitet gerade an seinem ersten Roman. Eine umfangreiche Tour wird für den Herbst angekündigt. Hoffentlich dann auch mal in Deutschland.

Steve Earle singt Live den Bob Dylan Klassiker “It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry”:

Die Gorilla Biscuits kündigen Europatournee an

Einer der ersten Bands die mich damals in den glorreichen alten Tagen zum Punk und Hardcore überredeten waren die bis heute noch unübertroffenen Straight Edge Helden Gorilla Biscuits.

Neben schneller und melodiöser Musik überzeugten mich besonders die humorvollen und guten Texte, welche tendenziell eher von einem persönlichen Standpunkt aus geschrieben waren. Selbst heute – viele Jahre später – wirken diese noch frisch, zeitlos und überhaupt nicht peinlich. Dies scheint eine seltene Ausnahme im schnell gealterten Hardcore-Punk, deren heutige Anhänger oftmals konservativer erscheinen als viele ältere Protagonisten im Schlager- oder Countrymilieu.

Während Mastermind und Wahlberliner Walter Schreifels nach der Auflösung der Gorilla Biscuits im Jahre 1991 zunächst mit Quicksand und dann später mit den Rival Schools und Walking Concert relativ erfolgreich weiter musizierte und Sänger Anthony Civarelli Ende der 1990er Jahre noch eine Quasi-Gorilla Biscuits Coverband unter seinem Spitznamen CIV formierte, ansonsten aber relativ unspektakulär in seinem Tattoostudio auf Long Island sein Dasein fristete, blieb es um die restlichen Mitglieder im Einzelnen und der Band im Besonderen relativ ruhig. Kurze Lebenszeichen der Gruppe waren die Benefizkonzerte für den legendären, damals von der Schließung bedrohten New Yorker Club CBGB’s in den Jahren 1997 und 2005.

Mit dem remasterten Reissue des sogenannten zweiten und letzten Gorilla Biscuits Albums Start Today im Jahre 2006 durch das Harcorelabel Revelation Records wurde es wieder etwas lauter um die Band aus New York City. Walter Schreifels schrieb die Liner Notes zur Wiederveröffentlichung, die Band ging in Originalbesetzung für einen knappen Monat in den USA auf Tour und sie veröffentlichten parallel eine limitierte Tour 7“ (nur 20 Stück pro Konzert) mit zwei neuen Aufnahmen.

Nach einigen Verwirrungen kündigt sich endlich eine umfangreiche und definitive Europatournee an. Ob die Konzerte nun nostalgische Gottesdienste sein werden oder auch neue Songs zu hören sein werden wird sich zeigen. Und hoffentlich kommt dann bald auch eine neue Platte mit neuen Songs.

Tourdaten:
04.09. Hamburg – Grünspan
05.09. NL-Amsterdam – Melkweg
06.09. B-Antwerpen – Hof Ter Lo
07.09. Essen – Essen Bebt Festival
08.09. Leipzig – Conne Island
10.09. Berlin – SO 36
18.09. München – Backstage
19.09. A-Wien – Arena
23.09. CH-Winterthur – Salzhaus
24.09. CH-Genf – l´Usine
01.10. Saarbrücken – Garage
02.10. Wiesbaden – Schlachthof
03.10. Schweinfurt – Alter Stattbahnhof
04.10. Köln – Kantine
05.10. Münster – Skaters Palace
06.10. Bremen – Wehrschloss
07.10. NL-Tilburg – 013

Die Gorilla Biscuits bei ihrer letzten Europatournee in Frankreich im Jahre 1991:

Walter Schreifels spricht in Berlin deutsch!

Außer Dave Grohl und Eric Clapton kann wohl kaum jemand von sich behaupten in mehr als drei musikhistorisch relevanten Bands gespielt zu haben. Bis auf Walter Schreifels, der bei Youth Of Today, den Gorilla Biscuits und Quicksand mit dabei war und in jüngster Zeit mit den Rival Schools und Walking Concert musizierte.

Nun wohnt dieser Mann auch noch freiwillig in Berlin und beackert auf Solopfaden unsere Breitengrade. Zusammen mit Olli Schulz ist er im März in Deutschland unterwegs und wird sicherlich zu diesem Anlass auch einige Hits seiner alten Bands spielen. Hoffentlich auch die Aktivierungshymne meiner Jugend „Start Today“ von den großartigen Gorilla Biscuits (wie unten im Video zu sehen).

Tourdaten:

08.03. Jena – Kassablanca
14.03. Oldenburg – Amadeus
15.03. Osnabrück – Kleine Freiheit
16.03. Köln – Stereo Wonderland
17.03. Konstanz – Kulturladen
18.03. Frankfurt – Cookys