Die meisten Songwriter schreiben in ihrem Leben (wenn überhaupt) nur eine Handvoll wirklich guter Lieder. Einer der wenigen der an eine Ausnahme dieser Regel mit dem Namen Bob Dylan heranreicht (wenn sie nicht sogar übertrifft) ist der unsterbliche Countrymusiker Hank Williams. Kaum ein Anderer hat mit einer so hohen Frequenz Jahrhundertsongs wie am Fließband geschrieben wie diese amerikanische Countryikone. Umso erstaunlicher ist, dass man sogar über 50 Jahre nach Hanks Ableben noch immer neue Hits von ihm identifizieren kann.
Ein gutes Beispiel dafür ist der von Johnny Cash auf seinem letzten offiziellen Album American V – A Hundred Highways gecoverten Begräbnissong On The Evening Train. Der Protagonist in dem Lied beerdigt seine Frau und bittet Gott ihm beizustehen um ihm und seinen Kindern ein Weiterleben zu ermöglichen. Hank soll diesen Song mit seiner Frau Audrey zusammen geschrieben haben. Aber weder auf dem opulenten Boxset The Complete Hank Williams (wo ja eigentlich alles von Hank Williams drauf sein sollte), noch auf der Demo Compilation Rare Demos: First To Last oder der am Beginn seiner Karriere im Jahre 1949 aufgezeichneten Live CD Health & Happinesss Shows ist dieser Track zu finden.
Wie bei den Health & Happinesss Shows handelt es sich auch bei den Mother’s Best Flour Transciptions um “gebootlegde” Radiosendungen in denen Hank Williams auftrat. Die Mother’s Best Flour Transciptions sind jedoch (noch) nicht erschienen und man könnte vermuten, dass sich On The Evening Train in diesen Sets befindet. Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass Hank das Lied nie richtig offiziell aufgenommen hat.
Wie Johnny Cash diesen Song dann gefunden hat ist auch nicht ganz klar. Er gehört aber sicherlich mit zu den besten Recordings des Man In Black der späteren Jahre. Besonders wenn man im Hinterkopf behält, dass zu der Zeit der Aufnahme seine Frau June Carter Cash beerdigt wurde, bekommt das Lied eine extrem tragische Doppeldeutigkeit. Die Originalversion würde ich aber irgendwann trotzdem gerne mal hören.