
Seit vielen Jahren nervt mich mein alter Weggefährte W. Hank Daniels schon mit toter Jazz-Musik. Über diverse digitale Kommunikationskanäle werde ich diesbezüglich mit Konsumbefehlen zu dem von mutmasslichen Musikrassisten oft abwertend als “musikalische Wichse” gebrandmarkten Genre belästigt. Da dies bei weitem nicht genug zu sein scheint, hat Mr. Daniels nun leider auch noch sein eigenes dogmatisches Weblog Jazz 101 gestartet.
Ein kultureller Diskurs ist mir seit jeher sehr wichtig. Denn solange es eine geistige Entwicklung durch die stetige Auseinandersetzung mit kulturellem Input gibt, geht es irgendwie auch mit der eigenen Kreativität beständig weiter. Prinzipiell sehe ich mich auch als ein Jazz-Fan an. Genies wie Thelonious Monk, Duke Ellington oder Oscar Peterson haben meine musikalische Denkweise entschieden mit geprägt. Es gibt da nur ein Problem: Ich höre kaum Jazz!
Beziehungsweise: Ich höre neue Jazz-Platten in der Regel nur ein- bis zweimal. Dann bin ich stark von der Musik beeindruckt, greife aber später äußerst selten wieder auf diese Tonträger zurück. An diesem Punkt setzt jetzt der unbelehrbare Jazz-Enthusiast W. Hank Daniels (ein Pseudonym aus George W. Bush, Hank Williams und Charlie Daniels!) an.
Damit es kein Entkommen vor dem Vergessen gibt stellt er in seinem Review-Blog klassische Jazz-Platten vor. Da diese von toten Musiker dominierte Thematik noch nicht speziell genug zu sein scheint, wird sein Internetauftritt ausschließlich in englischer Sprache verfasst. Wahrscheinlich geschieht des, um sich intellektuell von anderen Musikkritikern (Vgl. Georg Kreisler) abzugrenzen oder um sich selbst nicht nur auf den deutschen Musikmarkt zu limitieren.
Schockierender Weise gelingen ihm die Rezensionen erstaunlich gut und lesbar. Seine Artikel zeugen von einer tiefen Kenntnis der Thematik und seine prägnante Ausdrucksweise von einem großen englischen Vokabular. Neben einem kommerziellen Vergleich der Mannes-Kraft durch die Aufzählung moderner Audiotechnik, widmet sich einer der ersten Einträge dem obskuren Charles-Mingus-Werk “Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus” von 1963.
Auch wenn es schon eine Vielzahl von Jazz-Angeboten im Internet gibt macht Jazz 101 Lust auf mehr. Bleibt zu hoffen, dass dort in Zukunft regelmäßig neue Einträge zu lesen sein werden. Nichts wäre schlimmer, als eine zusätzliche virtuelle Jazz-Sackkasse. Und für mich gibt es jetzt wohl kein Entkommen mehr vor den Jazz-Avancen des Apodiktikers W. Hank Daniels.

