DiG! von 2004 ist einer der besten Musikfilme der letzten Jahre. Der Bericht über die Rivalität zwischen den Bands The Dandy Warhols und The Brian Jonestown Massacre fesselt von der ersten Minute an. Er erinnert eher an einen spannenden Spielfilm, als an eine dröge Dokumention. Doch auch dieses gute Werk zeigt natürlich nur einen kleinen Ausschnitt der Realität.
Yale-Absolventin Ondi Timoner verbrachte in den 1990ern sieben Jahre, meistens mit einer Kamera im Hut, an der Seite der beiden Gruppen. Anschließend formte sie aus über 2000 Stunden Rohmaterial den fertigen Film. Die Materialfülle und Themenvielfalt erforderte eine starke Fokussierung. Im Zentrum stehen die sich unterschiedlich entwickelnden Karrieren der beiden Frontmänner Courtney Taylor-Taylor und Anton Newcombe.
Während Taylor mit den Dandy Warhols ultimative Major-Label-Erfolge und One-Hit-Wonder feierte, war Newcombe und seine Band zur Obskurität und Armut verdammt. Die von ihnen proklamierte Revolution in der Musikindustrie fand wieder einmal nicht statt.
DiG! räumte aber verdienter Weise ab. Der Film wurde bei dem Sundance Film Festival im Jahre 2004 mit dem “Documentary Grand Jury Prize” ausgezeichnet. Doch nach der Veröffentlichung war Newcombe nicht mehr so zufrieden mit seinem Filmauftritt.
Auf seiner Band-Website geißelte er die Darstellung der Bandgeschichte als “at best to a series of punch-ups and mishaps taken out of context, and at worst bold faced lies and misrepresentation of fact”. Der Regisseurin warf er vor, Ereignisse durch Auslassungen bewusst anders dargestellt zu haben.
Und tatsächlich kann bei der Rezeption der Dokumentation der Eindruck entstehen, dass es sich bei Newcombe damals in erster Linie um einen drogenabhängigen Psychopathen und gewalttätigen Egomanen gehandelt habe. Doch das Brian Jonestown Massacre war in dieser relativ kurzen Zeit auch äußerst produktiv. Über zwölf großartige Langspielplatten wurden in Eigenregie geschrieben, aufgenommen und auf Independent-Labeln veröffentlicht.
Ohne Disziplin, Durchhaltevermögen und einer riesigen kanalisierten Kreativität ist so etwas kaum vorstellbar. Auch eine mehrköpfige Band von talentierten Musikern lässt sich selten über einen längeren Zeitraum durch Chaos, Anarchie und Unfreundlichkeiten zu Höchstleistungen anspornen. Newcombe verfügt also über eine äußerst positive Billanz. Dies steht im krassen Gegensatz zu seiner im Film überproportional oft dargestellten rohen Verhaltensweise.
Während sich heute kaum noch einer an die noch immer aktiven Dandy Warhols erinnern kann, erscheinen von Newcombes Band regelmäßig neue Alben. Seine Platten sind begehrte Sammlerobjekte und die Wertschätzung seines Werkes von Kritikern und Publikum steigt von Jahr zu Jahr. Vergesst also Spinal Tap – DiG! ist die interessantere Wirklichkeit, wenn auch nur ein kleiner Ausschnitt davon.