Mikro Green Bullet verleiht Songs Vintage-Sound


Nur für das Protokoll: Auch 2011 hatte für mich wieder einigen musikalischen Output zur Folge. Neben noch nicht komplett aufgenommenen Alben meiner beiden Bands The Last Pawnbrokers und Deine Dose, sowie einem unfertigen Solo-Album, fiel noch eine Sammlung mit 13 Cover-Songs dabei ab.

“The Broken Hearts Of Other People” beinhaltet in zyklischer Reihenfolge die Beziehungsdramen von einigen meiner liebsten Songwriter wie Townes van Zandt, Kris Kristofferson, Merle Haggard, Bob Dylan, Hank Williams oder Bruce Springsteen.

Aufgenommen wurde das akustische Machwerk alleine von mir in meiner Wohnung mit Geräten wie Gitarre, Kontrabass, Mandoline, Banjo, Steel-Gitarre, Dobro, Harmonium, Mundharmonika, Melodica, Klavier, Glockenspiel, Snare-Drum, Maracass, Tambourine und vielen mehr.

Grundlage bildete in der Regel die Live-Performance im Wohnzimmer mit Gesang und Akustik-Gitarre. Der Rest wurde nachträglich auf den Mastertake gespielt. Bei allen Liedern wurde der Hauptgesang über mein neues Shure 520DX aufgenommen. Besser bekannt ist das robuste Mirko unter dem Namen “Green Bullet” oder “Fahrradlampe”.

Eigentlich wurde das 520DX zur Abnahme und Verstärkung von Mundharmonika entwickelt. Beim Gesang liefert es jedoch einen verzerrten, in der Regel als “Vintage-Sound” wahrgenommenen Klang. Ein Klassiker, beliebt bei Musikern wie Jack White, Scott H. Biram oder H.P. Baxxtor.

Es gibt schon mehr als genug aufgenommen Musik auf der Welt. Um keine Schwierigkeiten mit der Musikpolizei, der GEMA oder sonstigen Spielverderbern zu bekommen, bleibt dieses Werk wohl meine persönlichste Postkarte von dem Jahr 2011.

Die Trackliste:
01 the lady came from baltimore :: tim hardin
02 be here to love me :: townes van zandt
03 mona lisa lost her smile :: david allan coe (johnny cunningham)
04 cigarettes, whisky and wild, wild women :: sons of the pioneers (tim spencer)
05 me and bobby mcgee :: kris kristofferson
06 cold irons bound :: bob dylan
07 dying of another broken heart :: lindi ortega
08 time :: tom waits
09 tougher than the rest :: bruce springsteen
10 alone and forsaken :: hank williams
11 he stopped loving her today :: george jones (bobby braddock/curly putman)
12 diane :: hüsker dü (grant hart)
13 i don’t have any love around :: merle haggard

Die besten Songs des Jahres 2010 zum Download

2010 neigt sich dem Ende zu. Die übliche Zeit das eigene Werkarchiv wieder auf den neusten Stand zu bringen. Und wie jedes Jahr fällt auch diesen Mal ein neues Solo-Album von mir dabei ab. Diese Mischung aus Folk, Country und Indie gibt es obligatorischer Weise erneut zum Gratis-Download.

406 Aufnahmen mit meiner Musik habe ich bis jetzt 2010 schon erstellt. Damit liege ich in etwa in meinem üblichen Jahres-Durchschnitt. Demos von neuen Liedern, Master-Takes von älteren Songs, alternative Mixe, Live-Mitschnitte von der Bühne oder aus dem Proberaum und der Wohnung. Überwiegend eigene Songs, aber auch wieder erstaunlich viele Cover-Versionen von bekannten und unbekannten Liedern sind mit dabei.

Das meiste davon wird “Schrott” sein und hoffentlich nie einer hören müssen. Doch während die neueste, bereits fertig gestellte Platte meiner jüngsten Haupt-Band The Last Pawnbrokers, “Lower Bohéme” erst nächstes Jahr erscheinen soll, gibt es die besten Solo-Demos von meinen neueren Songs bereits hier und jetzt kostenlos zum herunterladen.

Geschrieben, gespielt, aufgenommen, gemischt und gemastered unter den abenteuerlichsten Bedingungen von mir alleine in meinem Bunker. Den Nachbarn sei Dank. Nur lauteres Schlagzeug durfte ich im Proberaum einspielen.

Neben meiner Stimme sind Instrumente wie E-, Western-, Konzert- und Lap-Steel-Gitarre, Dobro, Kontrabass, E-Bass, Klavier, Mandoline, Banjo, Mundharmonika, Harmonium, Keyboard, Orgel, Melodica und diverse Perkussion zu hören. Viel Spaß mit “The Year In Music”:

Jens Kupillas - The Year In Music

Jens Kupillas – The Year In Music (2010)

01. Sunday Social
02. Hate To Grow Old
03. No Hard Feelings
04. Mexican Standoff
05. Another One From The Loser Gang
06. Word Travels Fast
07. In The Movies
08. Traitor’s Blues
09. Winter Ends
10. Red Flag Danger
11. Happy Ending Culture
12. Too Hot To Handle
13. Blank Stare (Hidden Track)

Download komplett in einem Zip-File

Hermes und der Horror der neuen Bob-Dylan-Platte

Der letzte Freitag (24. April 2009) war für mich so etwas wie ein heiliger Tag. Denn an diesem Datum ist das neue Bob-Dylan-Album “Together Through Life” erschienen.

Nach der überraschenden Ankündigung über die baldige Veröffentlichung einer neuen Dylan-Platte, habe ich Monate lang sehnsüchtig auf diese Großereignis gewartet. Schließlich wollte ich wissen, ob der Meister des Songwritings seinen auf “Love And Theft” großartig begonnen und auf “Modern Times” aufgrund von teilweise fehlender Songsubstanz etwas beliebig fortgeführte “Renter-Blues-Rock” auch auf dem neuen Album weiterführen wird.

Sollte wirklich etwas dran sein an der and vielen Orten angekündigten Rückkehr von “His Bobness” an die mexikanische Grenze im Tex-Mex-Gewand? Oder gibt es wieder Chess-Records-Sound-Exzesse wie auf den Vorgänger-Alben?

Also wurde im Vorfeld alles genau geplant: Bereits Wochen zuvor hatte ich die aufwendige Doppel-Vinyl-Edition (inklusive CD-Ausgabe) bei dem größten Internetversandhändler vorbestellt. Für den Veröffentlichungstag wurde sich extra frei genommen und alle eventuellen anderweitigen Termine großräumig abgesagt.

Am Tag vor dem Erscheinen des Albums wurde das Werk auch wie geplant schon mittags versandt. So weit so gut. Doch im Verlauf des expliziten Freitags stellte sich irgendwann heraus, dass “Together Trough Life” wohl nicht mehr geliefert wird. Samstag dann aber auch nicht. Sonntag sowieso nicht. Montag jedoch auch nicht.

Das Kundenkonto beim Anbieter zeigte bei Nachforschungen folgendes an: Informationen zur Lieferung: 24. April 2009, 14:06 Uhr, Status: zugestellt, Transportdienst: Hermes. Eine Pressemeldung vom drauffolgenden Montag lieferte dann die nachträgliche Erklärung. Auch Hermes bekommt jetzt ein Stück vom größten Onlinehändlerkuchen ab.

Ein panischer Anruf auf der Hotline des Versandhauses lieferte dann genauere Ergebnisse zu meinem persönlichen Skandal zu Tage: Die Ware wurde an dem obigen Datum einem “Assman Kiosk” (Vgl. My Ass!) unter meiner Adresse zugestellt.

Das ganze hatte nur folgendes Problem: In meinem Umfeld gibt es weder ein Etablismont, noch einen Bewohner unter diesem Namen. Außerdem hatte ich auch niemals eine Benachrichtigung, in welcher Form auch immer, erhalten. Schließlich saß ich am besagten Zustellungsdatum brav in meiner Wohnung und habe wehmütig auf die Klingel gestarrt.

Die wie immer überfreundliche Dame am Konsumtelefon meines Vertrauens hatte dann jedoch Mitleid mit meinem Dilemma und bot mir an das wertvolle Kulturgut einfach noch mal zu versenden. Einer der wenigen Vorteile, die sich ergeben, wenn man bei multinational operierenden Großkonzernen bestellt. “Aber ja doch, sofort rausschicken!” war meine leicht hysterisch geschriene Antwort. Gesagt, getan. Perfekt – was für ein Service!

Doch was in der Zwischenzeit machen? Google lieferte die Antwort. Drei Straßen und zwei Straßenbahnstation weiter sollte es tatsächlich einen Kiosk mit dem Namen “Assemann” geben. Also stürzte ich sofort raus aus meinem Bett und irrte dann spät abends noch durch die Straßen von Berlin auf der Suche nach einer ominösen Trinkhalle.

Leider ohne den geringsten Erfolg. Auch die genau Inspektion der relevanten Hinterhöfe lieferte keine genaueren Hinweise. Sogar bei erneuter Betrachtung am nächsten Tag nicht. Was für eine Katastrophe!

Zwei Tage später traf dann die erneute Lieferung ein. Diesmal von DHL und meinem Lieblingspostboten gebracht. Sollte der Versandhändler meiner Gewohnheit jedoch bei dieser Versandpolitik bleiben, muss ich wohl darauf erst einmal verzichten. Zumindestens bei dringenden Neuerscheinung. In Berlin gibt es ja noch einige Alternativangebote.

Und die Bob-Dylan-Platte? Das Paket liegt noch immer eingepackt auf meinem Boden. Irgendwie ist mir nach fast einer Woche schmerzvollem Warten die Lust auf das Hören vergangen. Vielleicht lege ich sie gleich mal auf.

Willie Nelson hebt wieder Gräber aus

Nur knapp über ein Jahr ist es her, dass Willie Nelson mit Unterstützung von Ryan Adams und seiner Band The Cardinals sein letztes Soloalbum Songbird veröffentlichte. Vier Monate zuvor war bereits seine Huldigung an die Country-Ikone Cindy Walker erschienen. Nach der opulenten Doppel CD Last Of The Breed aus dem Sommer 2007, welche er zusammen mit den Legenden Merle Haggard und Ray Price aufnahm, kam am 29. Januar die neuste Willie Nelson CD in die amerikanischen Läden.

Die nach einem Kris Kristofferson Song benannte CD Moment Of Forever folgt dann auch Nelsons Tradition der letzten Jahre im kollaborieren mit jüngeren Künstlern. Diesmal ist der amerikanische Countrymusiker Kenny Chesney in die Fußstapfen von Ryan Adams als quasi Produzent gefolgt. Dies hört man den Klängen der ersten Single Gravedigger dann auch teilweise an. Während die schwarz-weißen Friedhofsbilder des zugehörigen Videos an spätere Inszenierungen von Nelsons Freund Johnny Cash erinnern, ist der Sound und die Instrumentierung der Aufnahme doch eher an moderne Countryrock-Produktionen angelehnt.

Die Tracklist zeigt auch, dass sich Nelson wieder überwiegend auf das Interpretieren von fremden Songmaterial beschränkt. Neben der Single Gravedigger von Dave Matthews und dem Titelsong Moment Of Forever von Nelsons hawaiianischen Nachbarn Kristofferson fallen als erstes der Guy Clark Song Worry B Gone, The Bob Song von Big & Rich Hälfte Big Kenny und das obligatorische Bob Dylan Cover Gotta Serve Somebody auf.

Am 22.2.2008 soll das Album auch in Deutschland erscheinen. Dann kann man sicher mehr erfahren.

Achtung Baby – U2s Rückkehr nach Europa

Durch die Neuveröffentlichung des U2 Albums The Joshua Tree wird erneut deutlich, wie gut die Platte und Band eigentlich ist. Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass U2 mit dem Nachfolgealbum Achtung Baby noch eins drauf zusetzen vermochten.

Man mag zu den Iren und insbesondere ihrem Chefdenker Bono stehen wie man will; ihre Qualitäten als Musiker und Songschreiber wird wohl kaum einer ernsthaft anzweifeln. Sicherlich sind die affektierten öffentlichen Gesten – gerade im Zusammenhang mit politischen Ambitionen – von Paul David Hewson (Bonos bürgerlicher Name) für den Normalbürger nicht immer leicht zu ertragen. Neben dem oftmals schwülstigen und affektierten Gesang lassen auch die extremen christlichen Wurzeln von U2 gelegentlich kritische Fragen offen. Mit Achtung Baby lieferten die Dubliner jedoch ihr bestes Werk und eine der besten Platten der letzten 30 Jahre ab.

Nach The Joshua Tree und einer umfangreichen Tour war bei U2 zunächst erst einmal die Luft raus. Kommerziell wie künstlerisch war mit dem Album alles gesagt und erreicht worden. Das für Band und Fans unbefriedigende Live-Album Rattle And Hum samt zugehörigen Film überbrückte die Zeit zu einem neuen Studioalbum. Es sollte ein radikaler Stilwechsel, hin zu etwas Neuem und einem für U2 untypischen Sound und Style werden. Die sich zu der Zeit in der Wiedervereinigung befindliche Stadt Berlin schien der perfekte Nährboden dafür.

Mit dem Produzentenlegenden Daniel Lanois, Brian Eno und Flood arbeiten die Musiker unter anderem in den Kreuzberger Hansa Tonstudios an der ehemaligen Berliner Mauer. Dort hatten auch schon David Bowie und Iggy Pop knapp zehn Jahre zuvor ihre besten Alben aufgenommen. Das Ergebnis waren die für U2 ungewohnten düsteren Klänge und ein neuer und frischer – rückblickend betrachtet zeitloser – Sound.

Waren noch die letzten Platten von Bono & Co stark von amerikanischer Blues-, Rock- und Countrymusik geprägt, schlug die Band jetzt eine Brücke zurück zur europäischen Popmusik. Die Folge war ein weniger von Americana (während den Aufnahmen zu The Joshua Tree arbeiteten U2 sogar mit The-Band-Kopf Robbie Robertson zusammen), dafür aber umso mehr von unter anderem David Bowies Avantgardemusik der späten 1970er, den temporären Gitarrensounds der Manchester Szene der frühen 1990er Jahre, deutscher Kraut- und Elektrobands wie Kraftwerk, etc. und damals aktuellen Industrialbands inspirierter Klang. Es wurde mehr mit Songstrukturen experimentiert, Effektpedale kamen zum Einsatz und die Gitarrenverzerrung erhielt (endlich) Einzug in die Musik von U2.

Alle zwölf Songs der Platte thematisieren den emotionalen Bruch zwischen zwei Menschen. Die Albumreinfolge kann man als Chronologie des Endes einer Beziehung – von Euphorie am Beginn über Zerwürfnis und Vorwürfen bis hin zu tiefer Depression – gesehen werden. Trotz (oder gerade wegen) dieser oftmals inflationären und beliebigen Thematik hat das Album eine ungewöhnliche Dichte und Geschlossenheit. Mit Ausnahme von vielleicht Acrobat befinden sich auch kaum “Füllertracks” auf dieser Platte.

Wird in der Regel immer völlig zu Recht den revolutionären Klang, die dunkle Atmosphäre und das innovative Songwriting, sowie das unnachahmliche Gitarrenspiel von Gitarrist The Edge als markantestes Alleinstellungsmerkmals des Albums angegeben, so sollte man die cleveren Texte von Bono dabei auch nicht völlig unter den Tisch fallen lassen. Sonst eher leicht ins kitschige und pathetische abdriftende schrieb hier Bono wesentlich klarer, nackter und bescheidener seine Wahrheit nieder.

Inspiriert von den Ende der Ehe von Gitarrist The Edge und seiner Jugendliebe Aislin O’Sullivan ist das Politische zum Glück vollständig (bis auf die Angabe der Spendenadressen von Greenpeace und Amnesty International im Booklet) extrem persönlichen Texten gewichen. Diese befinden sich aber auf einem extrem hohen, fast schon dylanesken, Niveau.

Phrasen aus The Fly, Until The End Of The World oder Who’s Gonna Ride Your Wild Horses haben es dabei besonders in sich. Und selbst die im Jahre 2002 von Johnny Cash mit Unterstützung von Red-Hot-Chili-Peppers-Gitarrist John Frusciante gecoverte Schnulze One entpuppt sich als ein wirklicher Jahrhundertsong. Bei all dem Herzschmerz fragt sich der Hörer, wie der seit August 1982 mit seiner Jugendliebe Alison Stewart trotz üblicher Krisen glücklich verheiratete Bono überhaupt in der Lage war diese dramatischen Liebessongs zu schreiben.

Der deutsche Titel des Albums erklärte sich übrigens – neben dem Berliner Entstehungsort – dadurch, dass der Tontechniker Joe O’Herlihy diese Warnung oft während der Arbeit am Album gerufen haben soll. Dabei handelte es sich um ein Zitat aus dem Musical Frühling für Hitler von Mel Brooks.

In der U2-Geschichte folgte die monumentale und übertriebene Zoo TV Tour und der durchwachsende Schnellschuss Zooropa, der zwar mit der Wim-Wenders-Ballade Stay (Faraway, So Close!) und Numb die beiden besten U2-Songs überhaupt enthielt, jedoch als Gesamtwerk nicht wirklich überzeugen konnte. Achtung Baby ist jedoch ein unglaublich wegweisendes und einmaliges Album. Es symbolisiert die musikalische Rückkehr von U2 in ein düsteres und im Umbruch befindliches Europa.

Chrome Dreams – Der Flickenteppich von Neil Young

Fast jedes Jahr eine neue Neil Young Platte! Dieses Jahr heißt das neue Studioalbum von Neil – neben dem Livealbum Live At The Massey Hall 1971Chrome Dreams II.

Nach Living With War aus dem Jahre 2006, welches ausschließlich neue Songs beinhaltete, wartet das neue Album nun mit einem Rückblick in Neils Vergangenheit auf. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Archives Serie, seinem Gegenstück zur Bootleg Series von Bob Dylan, ein auch sicherlich verständlicher Schritt. Der amerikanische Rolling Stone-Redakteur Brian Hiatt liegt mit seiner Deutung jedoch nicht ganz falsch, wenn er das Album als “weird” bezeichnet.

Da ist zunächst der Albumtitel Chrome Dreams II. Ein offizielles Chrome Dreams I hat es nie gegeben. So ein Album soll im Jahre 1977 zwar aufgenommen, jedoch nie veröffentlicht worden sein. Songs von den Sessions wie Like A Hurricane, Powderfinger oder Pocahontas tauchten später in teilweise anderen Versionen auf anderen Neil Young Alben wieder auf. Der Titel ist sicherlich auch eine Anspielung auf Neils Autosammelleidenschaft. Die Analogie zwischen diesen beiden metallischen Werken bleibt für den Zuhörer jedoch trotzdem ein kleines Rätsel.

Auch der beste Song des Album, Ordinary People, welcher an der dritten Stelle kommt, wirft einige Fragen auf. Zum einen zeichnet er sich für Neil Young durch eine eher untypische lyrische Dichte und Länge aus. Zum anderen geht er über 18 endlose Minuten lang und wird von der eher ungewöhnlich spielenden Bläsersektion The Bluenotes unterstützt. Besonders hervorzuheben sind die Drums von Chad Cromwell, die dem Song eine solide Basis liefern. Mit dabei war auch der Crazy Horse Gitarrist Frank “Poncho” Sampedro, was Chrome Dreams II fast zu einem Crazy Horse Album macht, denn deren Drummer Ralph Molina trommelte nahezu die gesamte Platte ein.

Es mag bedenklich anmuteten, wenn sich Neil über den Mann von nebenan anhand von musikalischen Schnappschüssen auslässt, dass Erstaunlichste ist jedoch, dass Ordinary People schon 1988 ursprünglich für das This Note’s For You Album aufgenommen wurde und somit ein fast 20 Jahre alter Song auf einem neuen Neil Young Album erscheint.
Das Lied wurde relativ oft von Neil Young während der “Sponsored By Nobody” Tour Ende der 1980er Jahre Live gespielt und galt lange als einer seiner besten unveröffentlichten Songs überhaupt. Ironischerweise wurde dieser Track Anfang September 2007 in den USA als “Single” an die Radiosender verschickt. Aufgrund der Länge und dem begrenzten Radioformat sicherlich aber so gut wie nie vollständig gespielt. Er tauchte dann eher in Internetradios wieder auf. Hier ist ein Fullstream des amerikanischen Rolling Stone zu hören.

Selbst der Opener Beautiful Bluebird von Chrome Dreams II hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Die ursprüngliche Version ist ein Outtake von Neils reaktionären Countryalbum Old Ways, welches er zusammen mit Willie Nelson und Waylon Jennings im Jahre 1985 aufgenommen hatte. Auch das Neil in dem Lied – ganz Hippie – über Vögel singt, sollte nicht weiter irritieren. Selbst der Song Boxcar, ein weiteres Highlight von Chrome Dreams II, war ein Song auf dem unveröffentlichten Album Times Square aus den späten 1980er Jahren.

Die restlichen sieben Songs der CD sind relativ neu und wurden größtenteils dieses Jahr Live im Feelgood’s Garage Studio in der Nähe von Redwood City, Kalifornien mit alten Neil Young Weggefährtin wie dem Bassisten Rick Rosas oder Neils Ehefrau Pegi aufgenommen.
Erwähnung verdienen das vom Klavier und einem Kinderchor getragene letzte Lied The Way und das über 14 Minuten lange vom einem markanten Gitarrenanschlag angetriebene No Hidden Path.

Der peinliche Rocker Dirty Old Man weiß dann mit holprigen Schlagzeug und versoffenen Männerchor nicht wirklich zu überzeugen. Den Dirty Old Man nimmt man Neil Young trotz gutem Gitarrensound irgendwie nicht richtig ab. Trotzdem beinhaltet das Album – auch wenn es sicherlich nicht zum Klassiker taugen wird – nette Klänge zum hören.

Ein wenig beängstigend ist allerdings die Tatsache, dass die älteren Songs jedoch mit Abstand die hörenswertesten des Albums sind. Vielleicht wird es nächstes Jahr mit einem neuen Neil Young Album wieder anderes. Und hoffentlich erscheint dann auch endlich die seit Ewigkeiten angekündigte und wegen Chrome Dreams II erneut verschobene opulente Box Archives.

BBC 2 Interview mit Neil Young vom 13. Oktober 2007:

Lou Reeds “Most Depressing Album Of All Time”

Eines der schlimmsten Verbrechen, welches man sich als Wahlberliner schuldig machen kann, ist sich negativ über die neue deutsche Hauptstadt zu äußern. Dann schließen sich schnell die Reihen und Menschen der unterschiedlichsten Couleur und politischer Gesinnung stehen sofort Gewehr bei Fuß um ihre geliebte Heimat zu verteidigen. Lou Reed hat mit seinem Album Berlin aus dem Jahre 1973 zwar nicht viel über das Spreeathen des Ostens an sich gesagt; die ehemals geteilte Stadt jedoch als plausible Metapher verwendet.

Rückbetrachtend wird das dritte offizielle Soloalbum von Lou Reed meistens als Gegenreaktion auf den massiven Erfolg des Vorgängers Transformer und den Megahit Walk On The Wild Side gewertet. Diese kommerzielle Aufmerksamkeit überraschte nicht nur die Musikindustrie, sondern auch Lou Reed selber. Berlin sollte im Kontrast zum euphorischen Vorgänger und Glamrock Klassiker das “Most Depressing Album Of All Time“ werden.

Zusammen mit Jack Bruce, Steve Winwood, Aynsley Dunbar, Tony Levin und weiteren Sessionmusikern nahm Lou Reed (selber ungewöhnlicher Weise an der Akustikgitarre) ein depressives und überladenes Album über Beziehungskrisen und Drogenmissbrauch auf. Obwohl die meisten Songs älter und schon zum Teil auf vorherigen Alben veröffentlicht worden waren, kam es wie es kommen musste: Das heute als einer der Klassiker der 1970er Jahre und als ein Meilenstein im Genre Konzeptalbum geltende Album viel bei Publikum und Kritik fatal durch.

Heutzutage erscheint dies zum einen durch die ungewöhnliche Instrumentierung, die bombastische Produktion von Bob Ezrin und die negative Stimmung einerseits verständlich. Andererseits irritiert an dem damaligen Urteil die Schönheit und über weite Strecken doch relative Eingängigkeit der Songs. Lieder wie Lady Day, Caroline Says I und Men of Good Fortune beinhalten für heutige Verhältnisse ohrwurmartige Melodien und lassen die Trommelfälle beim hören höher schlagen. Weit entfernt sind diese Soundkollagen von den diffusen Indie-, Punk-, Noise- und Avantgardearien der noch folgenden Jahrzehnte.

Im Jahre 2007 erfüllte sich Reed dann einen langgehegten Traum, indem er das Album mit einem gigantischen Personalaufwand auf die Bühnen der Welt brachte. Diesmal mit mehr Erfolg als bei der Veröffentlichung.

Lou Reed singt in Paris im Jahre 1974 den von Billie Holiday insperierten Song Lady Day:

Steve Earle und die Washington Square Serenade

Seit dem Album The Revolution Starts…Now aus dem Jahre 2004 ist es ungewöhnlich still um Steve Earle geworden. Zuvor veröffentlichte der Songwriter im Jahrestakt für fast zwei Jahrzehnte gute Alben. Nun kehrt der Grammy Award Gewinner am 25. September mit seinem neuen Album “Washington Square Serenade” zurück.

Die Songs auf dem Album sollen von der Stadt New York inspiriert worden sein, in welcher der Südstaatler Earle nun seit etwa einem Jahr wohnt. Aufgenommen wurde das Werk im legendären Electric Lady Studio unter der Aufsicht von dem Produzenten John King von den Dust Brothers.

Neben einer Coverversion des Tom Waits Klassikers Way Down In The Hole beinhaltet das Album auch das Duett “Days Aren’t Long Enough” von Earle mit seiner Frau Allison Moorer und die Antwort “Tennessee Blues” auf den ersten Steve Earle Hit Guitar Town aus dem Jahre 1986. Bei dem Song “City Of Immigrants” soll sogar die Band Forro In The Dark mit traditioneller brasilianischer Musik mit dabei sein.

Des weiteren spielt Steve Earle die Rolle des “Waylon” in der US-Serie The Wire, betreibt Samstagabends die einstündige Radiosendung The Steve Earle Show und arbeitet gerade an seinem ersten Roman. Eine umfangreiche Tour wird für den Herbst angekündigt. Hoffentlich dann auch mal in Deutschland.

Steve Earle singt Live den Bob Dylan Klassiker “It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry”:

Das zweite Album der Supergroup Traveling Wilburys

Die Traveling Wilburys waren wohl die bedeutendste Supergroup, wenn man die Relevanz der einzelnen Mitglieder betrachtet. Mit Roy Orbison war nicht nur einer der besten Pop- und Rocksänger dabei, sondern mit Bob Dylan auch einer der besten Songschreiber aller Zeiten. Ein Beatle war eben so Teil dieser Band, sowie ein wichtiger Nachfolger des Americanasounds und ein führenden Vertreter des englischen Bombastrock der 1970er Jahren. Gegen soviel Manpower kommen selbst legendäre Superbands wie die Highwaymen, Cream oder Crosby, Stills, Nash, And Young nicht gegen an. Am 8. Juni erschienen nun die kompletten, remasterten Aufnahmen der Traveling Wilburys in einer schicken Box, oder wahlweise in einem Digipack.

Das Remastern hat den beiden seit 1997 vergriffenen Wilburyalben in sofern gut getan, dass dadurch der spezielle und teilweise nervige 1980er Jahre Jeff Lynn Sound etwas neutralisiert wurde. Durch zwei Bonustracks pro Platte (unter anderem die starke Dylannummer “Like A Ship”) gibt es auch bis dahin noch nicht offiziell gehörte Songs zu bestaunen.

Highlight der Neuveröffentlichungen (die teure Box enthält noch ein umfangreicheres Booklet mit Postkarten) ist jedoch die beiliegende DVD. Neben allen offiziellen Videos befinden sich auf dieser eine wunderbare Dokumentation über die Aufnahmen zum ersten Wilbury Album. Man erfährt dort warum die Akustikgitarren sich so speziell anhören – sie wurden in einer Küche aufgenommen, weil der eigentliche Studioraum zu klein war – warum das erste Album in nur neun Tagen geschrieben und eingespielt wurde – Bob Dylan musst wieder auf seine endlose Tournee – und warum im Video zu End Of The Line nur noch eine Gitarre im Stuhl von Roy Orbison schaukelt – der Meister war kurz zuvor gestorben. Das Interessanteste ist jedoch vielleicht Bob Dylan und die anderen Musiker bei der Studioarbeit und dem gemeinsamen Songschreiben zuschauen zu können. Das ist in dieser Form selten möglich gewesen.

Ein Rätsel bleibt jedoch immer noch ungelöst. Was ist mit dem zweiten Wilbury Album geschehen? Die beiden Platten hören auf die Titel Vol. 1 und Vol. 3. Ob dies nur ein Scherz über den Erwartungsdruck an das wichtige zweite Album war, ein zweites Meisterwerk noch irgendwo in den Archiven schlummert, der Tod Roy Orbisons die Arbeit zum zweiten Werk beendete oder ob gar Tom Pettys erstes Soloalbum Full Moon Fever an dem alle Wilburys mit Ausnahme von Bob Dylan (der war gerade wieder auf Tour) mitarbeiten gar als zweites Wilburyalbum zu betrachten ist, bleibt also ungelöst.

Diese Neuveröffentlichung tröstet somit etwas über den bitteren Beigeschmack hinweg den die Tatsachen hervorrufen, dass sich dort Milliardäre schamlos in der Rolle des armen Hobo-Zirkus-Straßenmusiker gefallen und kein Rolling Stone mit von der Partie war.

Cindy Lee Berryhill veröffentlicht neues Album

Seit über 20 Jahren ist sie nur sporadisch musikalisch aktiv. Die amerikanische Singer/Songschreiberin Cindy Lee Berryhill ist jedoch weit mehr als nur ein musikalischer Geheimtipp. Anfang der 1980er Jahre rutschte sie zufällig von der Punk in die Anti-Folk Szene. Ihr zweites Album wurde dann sogar von Patti Smith Gitarrist und Suzanne Vega Produzent Lenny Kaye in New York produziert.

Mit ihrem nächsten Werk Garage Orchestra wagte sich die kalifornische Sängerin im Jahre 1994 (mit Unterstützung von Mitglieder von San Diego Symphony und dem Harry Partch Ensemble) auf orchestrale Instrumentierungspfade.
Das 1996er Nachfolgealbum vereinte dann Folksongwriting mit einer breiten Instrumentenauswahl. Diesen Februar erschien nun nach elf Jahren (abgesehen von der 1999er Live CD “Living Room 16″) auf dem kleinen aber sehr feinen in San Diego beheimateten Label Populuxe Records das neue Album der Lebensgefährtin des Chef-Dylanologen Paul Williams.

Gratisdownloads im erdigen Soundgewand gibt es auf der Künstler- und auf der Labelseite. Hoffentlich ist die CD auch bald in Deutschland erhältlich, denn humorvolle Textzeilen wie “When did Jesus become a Republican. I thought he was a poor man’s friend” wecken beim strapazierten Ohrenschmalz die Lust nach mehr. Dann würde sich auch zeigen ob das Album mehr bietet als nur amüsante Amerikaansichten einer liberalen Sängerin.