Durch die Neuveröffentlichung des U2 Albums The Joshua Tree wird erneut deutlich, wie gut die Platte und Band eigentlich ist. Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass U2 mit dem Nachfolgealbum Achtung Baby noch eins drauf zusetzen vermochten.
Man mag zu den Iren und insbesondere ihrem Chefdenker Bono stehen wie man will; ihre Qualitäten als Musiker und Songschreiber wird wohl kaum einer ernsthaft anzweifeln. Sicherlich sind die affektierten öffentlichen Gesten – gerade im Zusammenhang mit politischen Ambitionen – von Paul David Hewson (Bonos bürgerlicher Name) für den Normalbürger nicht immer leicht zu ertragen. Neben dem oftmals schwülstigen und affektierten Gesang lassen auch die extremen christlichen Wurzeln von U2 gelegentlich kritische Fragen offen. Mit Achtung Baby lieferten die Dubliner jedoch ihr bestes Werk und eine der besten Platten der letzten 30 Jahre ab.
Nach The Joshua Tree und einer umfangreichen Tour war bei U2 zunächst erst einmal die Luft raus. Kommerziell wie künstlerisch war mit dem Album alles gesagt und erreicht worden. Das für Band und Fans unbefriedigende Live-Album Rattle And Hum samt zugehörigen Film überbrückte die Zeit zu einem neuen Studioalbum. Es sollte ein radikaler Stilwechsel, hin zu etwas Neuem und einem für U2 untypischen Sound und Style werden. Die sich zu der Zeit in der Wiedervereinigung befindliche Stadt Berlin schien der perfekte Nährboden dafür.
Mit dem Produzentenlegenden Daniel Lanois, Brian Eno und Flood arbeiten die Musiker unter anderem in den Kreuzberger Hansa Tonstudios an der ehemaligen Berliner Mauer. Dort hatten auch schon David Bowie und Iggy Pop knapp zehn Jahre zuvor ihre besten Alben aufgenommen. Das Ergebnis waren die für U2 ungewohnten düsteren Klänge und ein neuer und frischer – rückblickend betrachtet zeitloser – Sound.
Waren noch die letzten Platten von Bono & Co stark von amerikanischer Blues-, Rock- und Countrymusik geprägt, schlug die Band jetzt eine Brücke zurück zur europäischen Popmusik. Die Folge war ein weniger von Americana (während den Aufnahmen zu The Joshua Tree arbeiteten U2 sogar mit The-Band-Kopf Robbie Robertson zusammen), dafür aber umso mehr von unter anderem David Bowies Avantgardemusik der späten 1970er, den temporären Gitarrensounds der Manchester Szene der frühen 1990er Jahre, deutscher Kraut- und Elektrobands wie Kraftwerk, etc. und damals aktuellen Industrialbands inspirierter Klang. Es wurde mehr mit Songstrukturen experimentiert, Effektpedale kamen zum Einsatz und die Gitarrenverzerrung erhielt (endlich) Einzug in die Musik von U2.
Alle zwölf Songs der Platte thematisieren den emotionalen Bruch zwischen zwei Menschen. Die Albumreinfolge kann man als Chronologie des Endes einer Beziehung – von Euphorie am Beginn über Zerwürfnis und Vorwürfen bis hin zu tiefer Depression – gesehen werden. Trotz (oder gerade wegen) dieser oftmals inflationären und beliebigen Thematik hat das Album eine ungewöhnliche Dichte und Geschlossenheit. Mit Ausnahme von vielleicht Acrobat befinden sich auch kaum “Füllertracks” auf dieser Platte.
Wird in der Regel immer völlig zu Recht den revolutionären Klang, die dunkle Atmosphäre und das innovative Songwriting, sowie das unnachahmliche Gitarrenspiel von Gitarrist The Edge als markantestes Alleinstellungsmerkmals des Albums angegeben, so sollte man die cleveren Texte von Bono dabei auch nicht völlig unter den Tisch fallen lassen. Sonst eher leicht ins kitschige und pathetische abdriftende schrieb hier Bono wesentlich klarer, nackter und bescheidener seine Wahrheit nieder.
Inspiriert von den Ende der Ehe von Gitarrist The Edge und seiner Jugendliebe Aislin O’Sullivan ist das Politische zum Glück vollständig (bis auf die Angabe der Spendenadressen von Greenpeace und Amnesty International im Booklet) extrem persönlichen Texten gewichen. Diese befinden sich aber auf einem extrem hohen, fast schon dylanesken, Niveau.
Phrasen aus The Fly, Until The End Of The World oder Who’s Gonna Ride Your Wild Horses haben es dabei besonders in sich. Und selbst die im Jahre 2002 von Johnny Cash mit Unterstützung von Red-Hot-Chili-Peppers-Gitarrist John Frusciante gecoverte Schnulze One entpuppt sich als ein wirklicher Jahrhundertsong. Bei all dem Herzschmerz fragt sich der Hörer, wie der seit August 1982 mit seiner Jugendliebe Alison Stewart trotz üblicher Krisen glücklich verheiratete Bono überhaupt in der Lage war diese dramatischen Liebessongs zu schreiben.
Der deutsche Titel des Albums erklärte sich übrigens – neben dem Berliner Entstehungsort – dadurch, dass der Tontechniker Joe O’Herlihy diese Warnung oft während der Arbeit am Album gerufen haben soll. Dabei handelte es sich um ein Zitat aus dem Musical Frühling für Hitler von Mel Brooks.
In der U2-Geschichte folgte die monumentale und übertriebene Zoo TV Tour und der durchwachsende Schnellschuss Zooropa, der zwar mit der Wim-Wenders-Ballade Stay (Faraway, So Close!) und Numb die beiden besten U2-Songs überhaupt enthielt, jedoch als Gesamtwerk nicht wirklich überzeugen konnte. Achtung Baby ist jedoch ein unglaublich wegweisendes und einmaliges Album. Es symbolisiert die musikalische Rückkehr von U2 in ein düsteres und im Umbruch befindliches Europa.