Der Gitarrist und seine erste Gitarre

Februar 27, 2009

gitarre

Irgendwie war sie schon immer da. Die alte Western-Gitarre im Keller meiner Eltern. Als ich Anfang der 1990er Jahre mit dem musizieren begann, war ich mit meiner zu Weihnachten geschenkten Konzert-Gitarre etwas unzufrieden. Schließlich wollte ich meinen Helden Bob Dylan, Bruce Springsteen und Johnny Cash Konkurrenz machen. Nylonsaiten auf einer klassischen Gitarre waren dafür aber nicht unbedingt von Vorteil.

Da fiel mir die alte Gitarre wieder ein. Doch leider hatte ich viele Jahre zuvor das Musikinstrument meinem Freund und späteren Bassisten meiner Band (Reebosound) beim Geisterbahnspielen auf seinem Kopf zerschlagen und damit dem Gerät schwere Schäden zugefügt. Eine Knappheit an finanziellen Mitteln und ein Übermaß an kreativer Energie führten dazu, dass ich das Instrument dann selber reparierte. Viel Holzleim, Farbe, die eigentlich für die Segeljacht meiner Eltern bestimmt war und abgesägte Besenstilstücke verhalfen dem alten Instrument zu neuer Form.

Zehn Jahre später erfuhr ich dann von meinem Onkel, der seiner Schwester und meiner Mutter die Klampfe in den 1980er Jahren mal geschenkt hatte, die Vorgeschichte der musikalischen Axt: Die Frau seines großen Bruders kaufte in den späten 1960er Jahren die Gitarre im Urlaub in Spanien. Dann trotzte sie einige Zeit lang den Witterungen auf deren deutschem Balkon. Mein musikalischer Onkel hatte Mitleid, erlöste die Seele des Instrumentes und überarbeitete es mit einem Kollegen während des Genusses von alkoholischen Getränken.

Auf dieser Gitarre habe ich dann spielen gelernt und hunderte Songs damit aufgenommen. Obwohl sie nicht mehr richtig zu stimmen ist und viele merkwürdige akustische Interferenzen produziert, hört sie sich auf Aufnahmen noch relativ gut an. Weihnachten 2008 wurde damit dann auch das Lied „Red Eyed Strangers“ von mir alleine in meinem Zimmer eingespielt (Download; zu hören ist die Gitarre dort im Stereo-Bild auf der linken Seite).

Von meinen vielen Gitarren ist diese immer noch meine Wertvollste. Sie erinnert mich an meine Familie und an meine eigenen (musikalischen) Wurzeln. Und sie wird bis zu meinem Tod hoffentlich noch an meiner Seite bleiben und danach Angehörigen vererbt werden.

Dieser Text ist auch hier bei WELT ONLINE erschienen.


Wo man in Berlin noch Platten und CDs kaufen kann

Oktober 4, 2008

recordstore

Es gibt bestimmt nicht viele Branchen in denen sich noch mehr Schlitzohren, Abzocker und schwarze Scharfe herumtreiben als im Musikinstrumentenhandel. Der Tonträgerhandel kann es jedoch locker mit jedem überteuerten Gitarrenladen aufnehmen. Trotzdem gibt es gerade in Berlin erwähnungswerte Etablissements für den Erwerb von Musik.

Verlierer des neumodischen Mediums Internet gibt es sicher fast so viele wie es dort MySpace-Profile gibt: Plattenindustrie, Zeitungsverlage, Werbung- und Pornohasser, sowie Freunde der gepflegten direkten Kommunikation. Auch wenn wahrscheinlich die Vorteile des weltweiten Irrgarten im Grunde überwiegen: Der gemütliche Plattenladen gehört sicher auch zu den Benachteiligten dieser beispiellosen revolutionären Erfindung.

Nicht nur, dass man in der digitalen Welt bequem von Zuhause am Computer seltene Tonträger einkaufen kann. Meistens sind die Produkte bei amazon (insbesondere deren genialer Erfindung der zshops), jpc, ebay und anderen Anbietern auch noch weitaus preiswerter.

Hinzu kommt ein gigantisches Angebot und ein durch globaler Kapitalpotenz ermöglichter Rund-um-die-Uhr-Service, mit dem kein kleiner Plattenladen mithalten kann. Vom Universum der legalen und illegalen Downloadportale ganz zu schweigen.

Auch Elektrogroßhändler wie Media Markt oder Saturn bieten kaum zu unterbietende Angebotspreise und sägen damit schon länger am Ast der kleinen Geschäfte. Eine Anonymität bei Einkaufen in riesigen Hallen kann für kommunikationsscheue Individuen auch von Vorteil sein.

Das Geldausgeben in solchen Konsumtempeln mag aus vielen berechtigten politischen und persönlichen Gründen meistens kein Geschenk sein; gerade für Geizhälse oder für nicht über genügend Privatkapital verfügende Zeitgenossen ist der Preisvorteil jedoch oft ein ausschlaggebendes Argument.

Trotzdem liegen die Vorteile eines Tonträgerfachgeschäfts mit einer Quartradmeterzahl von unter 1000 klar auf der Hand: Im Idealfall eine gemütliche Atmosphäre, kompetente Beratung, direkte musikalische Eins-zu-Eins-Kontrolle und die Möglichkeit des sofortigen Instant-Konsums mit folgenden haptischen Glückserlebnis.

Und selbst wenn man heutzutage wieder verstärkt in Großmärkten und Internetanbietern überwiegend neues Vinyl erwerben kann: Für Liebhaber und Sammler des alten schwarzen Plattengoldes bleibt der gut sortierte Plattenladen ein relevanter Ort.

Das Berlin mit die besten Geschäfte Deutschlands in diesem Bereich zu bieten hat, ist hinlänglich bekannt. Im folgenden habe ich meine subjektiven Favoriten aufgelistet. Dies bedeutet, dass hierbei Läden mit dem Fokus auf Techno/Electronic, Hip Hop, Jazz oder Klassik keine wirklich große Rolle spielen.

Neben den Flohmärkten am Mauerpark oder auf dem Boxhagener Platz sind dies meine Hauptquellen für den direkten Musikkonsum. Allerdings nicht auszuschließen, dass schon morgen wieder ein neuer Laden entdeckt wird.

The Recordstore Berlin

Vinyl Only! Sicher der Standard der Stadt, wenn es um ältere amerikanische Musik wie Country, Folk, Blues, Jazz, Soul und Rock ‘N’ Roll geht. Kein anderer Laden hat so viele Originalausgaben und wertvolle Plattenschätze. Gespeist wird das Geschäft von „Field-Trips“ und Kontakte des Besitzers in den Süden der USA.

Selbst große Plattenfirmen sollen sich hier verschollene Aufnahmen für Wiederveröffentlichungen neu besorgen. Das relativ hohe Preisniveau wird meistens durch die Exklusivität der Ware legitimiert und ist in der Regel vollkommen angemessen. Kompetente Beratung, aber nicht immer was für moderne Schnäppchenjäger mit knapper Kasse.

Brunnenstrasse 186
10119 Berlin


Unter den Gleisen

Mit Sicherheit einer der größten Plattenläden im Herzen Berlins. Im großen Keller gibt es altes und neues Vinyl im Überfluss. Dazu viele CDs. Besonders erfreulich ist die üppige Auswahl an Bootlegs, Musik-DVDs und Boxsets. Freundliche Bedienung und durchschnittliche Preise.

Friedrichstrasse 128
10117 Berlin

Mr. Dead & Mrs. Free

Einer der legendärsten Plattenläden der Republik am Nollendorfplatz in Schöneberg, der es sogar zu einer eigenen Geschichte im Spiegel gebracht hat. Rockstars wie Bela B. sollen hier ein eigenes Fach hinter dem Tresen besitzen.

Klein, aber sehr gut sortiert und mit die beste Auswahl an Country- und Folk CDs in der Stadt. Entgegen dem angeblich schlechten Ruf über die Unfreundlichkeit der Bedienung bin ich hier immer sehr freundlich und kompetent beraten worden.

Bülowstrasse 5
10783 Berlin

Da Capo Schallplatten

Ein uriger Laden in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg mit einem angeschlossenen Antiquariat. Überwiegend Second Hand Platten. Viel DDR-Vinyl und sogar Schellack ist noch vorhanden. Ein muffiger und liebevoll dekorierter Plattenladen wie aus einer vergangenen Zeit. Und einer der wenigen Orte wo man vielleicht noch Raritätenschnäppchen machen kann.

Kastanienallee 96
10435 Berlin

Power Park Schallplatten

Da ich schon öfter bei den Jungs auf dem Flohmarkt am Mauerpark Platten gekauft habe, musste ich mir dann auch mal deren Laden anschauen. Und der macht dann auch einen soliden Eindruck.

Drei Räume in Friedrichshain mit guter Vinyl-Auswahl und einem umfassenden Angebot von Hardcore über Clubsounds bis hin zu Jazz und Country. Auch freundliche und entgegenkommende Verkäufer.

Ich habe dort gleich zwei schöne Country-Scheiben (George Jones und Waylon Jennings) und zwei MPS-Vinyl erworben. Dort schaue ich jetzt öfters mal vorbei.

Niederbarnimstraße 11
10245 berlin

Zweistausendeins-Shop

Berliner Verkaufsstelle des von Kinowelt aufgekauften „Alt-68er-Versandhandels“. Unterbietet vom Preis alles in der realen und sogar digitalen Welt. Kaum Vinyl. Sehr nette Verkäufer und immer wieder eine Reise nach Charlottenburg wert.

Kantstraße 41-42
Und jetzt neuer Laden:
Friedrichstr. 119


Welche Nachteile Vinyl-Schallplatten haben

August 20, 2008

Wer etwas in der musikalischen Welt auf sich hält kauft analoge Vinyl-Schallplatten und posaunt das bei jeder Gelegenheit auch in das digitale Universum hinaus.

Die Vorteile liegen dabei ja auch klar auf der Hand: Die jetzt 60 Jahre alte Schallplatte klingt vermeintlich besser und ehrlicher als normale digitale Tonträger, durch die Größe des Covers wird das haptische Erlebnis zusätzlich verstärkt und die Unmöglichkeit des hin- und her-“skippens“ führt meistens dazu, dass der Hörer Alben auch wieder richtig und vollständig hört. Von „politischen“ Gründen für die CD-Abstinenz ganz zu schweigen.

Das in den letzten Jahren besonders im englischsprachigen Pop-Ausland wieder mehr, aber immer noch im Verhältnis zu vergangenen Absatzzahlen oder aktuellen CD-Verkaufszahlen erschreckend wenig Leute Platten kaufen, hat sicher auch etwas mit den obsoleten digitalen Speichermedien zu tun.

Viele Nutzer lesen mittlerweile die Daten von den kleinen silbernen Scheiben nur aus, um sie dann auf dem MP3-Player oder auf der Computerfestplatte zu verwalten und um Musikdateien platzsparend zu transportieren. Es scheint jedoch, als wäre die CD in Musikliebhaberkreisen bereits nach etwa 20 Jahren schon wieder zu einem Auslaufprodukt geworden.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass selbst die Hochphase des Vinyls im Verhältnis zu der dessen Vorgänger der Schellack-Platte zeitlich wesentlich geringer war. Einige Plattensammler – wie der kompetente Joe Bussard – lehnen noch heute den Vinylkonsum konsequent als modernen Wahnsinn ab.

Doch in Zeiten wo viele Plattenhändler eher potenzielle Abzocker, anstatt verlässliche Kundenberater sind, ähnelt der Schallplattenkauf nicht selten der Teilnahme an einer Lotterie. Viele gebrauchte und sorgfältig geprüfte Exemplare des immer teurer werdenden schwarzen Musikgoldes knacken, knistern und leiern selbst nach intensiver Reinigung.

Die Plattenregale sind gefüllt mit schlechten holländischen Schwarzpressungen und russischen Billig-Neuveröffentlichungen. Und sogar der Klang der Neuausgaben von großen Labels ist nicht selten eher bescheiden, da oftmals das vorliegende CD-Master im Ausland auf zu dünnem Vinyl gepresst wurde. Der Sound der Platte ist dann nicht selten tot und leblos.

Selbst wenn dem Sammler eine gut erhaltende Originalausgabe oder eine 180-Gramm-Neuveröffentlichung den Spaß am Plattenkaufen erhält; der Kunde weiß im Gegensatz zum CD-Kauf selten wirklich genau, was er für sein Geld bekommt. Denn oftmals halten neue Ausgaben von alten Platten dem Vergleich mit dem Original nicht stand.

Auch wenn mit digitalen Medien schwer glaubwürdig als DJ aufzulegen und viel gute Musik überhaupt nie oder erst viel später digital erschienen ist: Der größte Nachteil der klobigen Schallplatte ist sicherlich, dass man sie schwer brennen, runterladen oder beliebig vervielfältigen kann.

Im Angesicht von mit klirrenden MP3s aus Laptoplautsprechern und iPods zufrieden gestellten Musikrezipienten, mag dieser Nachteil für die Zukunft dieses momentan gut funktionierenden Nischenmarktes erschreckend schwerer wiegen als manche glauben. Denn was nützt die beste Soundqualität, wenn man sie nicht adäquat wiedergeben kann oder man diesbezüglich gar keinen Anspruch hegt. Aber letztendlich kommt es ja auf die Musik an und nicht auf das Medium, oder etwa doch nicht?


Der VW Golf als Tourbus für unterbezahlte Rockstars

August 11, 2008

Am letzten Sonntag (10. August 2008) ist in der Welt am Sonntag von mir eine Anekdote zu meiner eigenen Musikgeschichte erschienen: Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Golf VI Modells von Volkswagen im Oktober, war es an der Zeit meine Erfahrungen mit diesem Gefährt zu rekapitulieren. Das Ergebnis kann man sich nun auch hier bei WELT ONLINE anschauen.

P. S. Das Demo „Gear Out!“ vom 28. September 2004 zur selben Thematik (aufgenommen mit tatkräftiger Unterstützung von Cyman Lee) ist hier bereit gestellt.


Die Musikindustrie stirbt trotz Radiohead allein

August 5, 2008

Jüngst ist heraus gekommen, dass der große Marketing-Gag zu Radioheads überbewerteten Album In Rainbows, wie so oft bei Marketingmaßnahmen, ein totaler Flop gewesen sein soll. Die britische Gruppe hatte schon im Oktober 2007 zur Promotion ihres Ende 2007 erscheinenden Albums die Aufnahmen auf ihrer Website zum Download in schlechterer Audioqualität und ohne Booklet angeboten. Als Gegenleistung wurde um eine im Ermessen des Nutzers liegende Spende gebeten.

Später ist dann allerdings an die Öffentlichkeit gekommen, dass erstaunlich wenigen Menschen Radioheads Musik eine Spende wert war. Nun teilte zu allem Überfluss auch noch die Mechanical Copyright Protection Society mit, dass sich die Nutzer In Rainbows häufiger von nicht subventionierten Tauschbörsen herunterluden, als von der offiziellen Radiohead-Website. Ob dieses Verhalten nun illegal war oder nicht, müssen wohl die Anwälte später entscheiden.

Das Ergebnis der Studie offenbart jedoch wieder einmal ein Paradoxon der modernen Kulturindustrie. Im Gegensatz zum Büchermarkt, indem immer mehr Menschen der westlichen Hemisphäre Bücher kaufen, im Gegenzug dazu aber immer weniger lesen, scheinen sich immer mehr potenzielle Konsumenten für Musik zu interessieren, allerdings ohne die Bereitschaft in die konservierten Kommerzprodukte zu investieren. Die Konzertsäle von alternden Rockstars sind allerdings auch trotz der zum Teil unverschämten Eintrittspreisen meistens prall gefüllt, der Merchandisingabsatz läuft gut und Musik-Internetportale und Tauschbörsen verzeichnen nicht mehr zu erfassende Zugriffszahlen.

Ob nun durch Musikpiraterie im Internet, einer generelle Marktsättigung, das Versagen des Hit-orientierten Geschäftsmodells, die Veränderung der Konsum- und Lebensgewohnheiten oder einfach nur das Nachlassen der musikalischen Qualität: Die Ursachen, warum sich die Umsätze der Tonträgerindustrie in den letzten Jahren fast halbiert haben (Im Klartext: Es kaufen heute nur noch etwa die Hälfte der Menschen CDs und Platten wie zum Ende der 1990er Jahre!) sind sicher so viele, wie es MySpace-Profile gibt.

Sie führen allerdings zu einem ästhetischen und existenziellen Problem für die Zukunft der kommerziellen Musikverbreitung. Denn die Illusion, dass all die Computerkids da draußen mit ihren Laptops ähnlich qualitativ hochwertige Musik kreieren, entdecken und vermarkten können, wie es eigentlich nur gut ausgebildete Tontechniker und finanzstarke Plattenfirmen vermögen, ist ein fataler Irrtum. So sehr es für den Einzelnen von großem Vorteil zu sein scheint; so sehr ist das Nachlassen der Musikqualität seit Mitte der 1990er auch eine subjektive Bestätigung der aufweichenden Arbeitsteilung in der Musiklandschaft.

Gute Musik ist aber sicherlich genug vorhanden, so dass ein Menschenleben bei weitem nicht mehr ausreicht, dies alles hinreichend zu rezipieren. Also auch wenn jede neue Epoche ihre eigene Kunst und Kultur wirklich erfordern sollte; der Bedarf an neuen Liedern ist objektiv betrachtet jedoch eher gering.

Den Musikmanagern bleibt zur Rettung da wohl nur noch übrig neue Wege zu gehen und auch unerschlossene Bereiche vollständig zu kommerzialisieren. Der noch schwach wachsende Klassikmarkt hat gezeigt, wo noch Kapital in der Musik drin stecken kann. Denn wenn die Kids kein Geld mehr bereit sind für Musik auszugeben, ältere Semester, die noch anders sozialisiert worden sind, sind es unter Umständen vielleicht schon. Die logische Konsequenz daraus wäre Musik eher für ältere Zielgruppen zu machen und zu veröffentlichen. Denn diese haben in der Regel noch eher das nötige Geld über und sind bereit dieses auch für überteuerte Tonträger auszugeben.

Eine der positivsten Begleiterscheinungen dürfte neben der weltweiten Verfügbarkeit von Musik und deren artverwandte Informationen sicherlich die Tatsache sein, dass die Menschen in Zukunft nicht mehr vordergründig Musik machen können um schnell reich, berühmt und sexy zu werden, sondern weil es ihnen wirklich um die Musik an sich geht.

Das Marketingkonzept zu In Rainbows, was nur für eine etablierte und über Jahrzehnte von der Musikindustrie aufgebaute Band wie Radiohead möglich war, scheint jedoch trotzdem ein voller Erfolg gewesen zu sein. Die Platte stieg Anfang 2008 in vielen Ländern direkt auf Platz 1 in die Charts ein. Radiohead, eine Band, die wie kaum eine andere von der finanziellen und infrastrukturellen Macht der Plattenfirmen profitiert hatte, dürfte dies sicherlich weniger tangieren. Denn deren existenzielle Schäfchen sind schon lange im trockenen Dock der gesicherten Alterfürsorge.


Diese Bahnfahrer sollten Sie meiden

August 3, 2008

Das Fahren mit den öffentlichen Verkehrmitteln ist nicht selten eine Tortur: Unplanmäßige Abfahrtszeiten, streikende Bedienste, hohes Passagieraufkommen, schlechte Verkehrsanbindungen und kaum zu ertragende klimatische Bedingungen lassen die Reise mit Zug, Bahn oder Bus zu einem notwendigen Übel werden.

Als wären die Grundbedingungen für die tägliche Beförderung nicht schon schlecht genug: Erschwert wird diese zusätzlich noch durch bestimmte Passiergruppen, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, den unbescholtenen Fahrgast unnötig zu tyrannisieren. Zur Hilfestellung für den Leser werden im Folgenden die fünf wichtigsten Gruppen und ihre Erkennungsmerkmale genannt.

1. Der Bahn-Walker

Egal wie voll das Verkehrsmittel ist und zu welcher Uhrzeit man reist: Der Passagier kann sich darauf verlassen innerhalb von einer halben Stunde mindestens mit einem Bahn-Walker in einen ungewünschten Kontakt zu treten. Der Bahn-Walker geht dabei immer ähnlich vor: Er steigt in der hintersten Möglichkeit in die Bahn ein und bewegt sich dann mehr oder minder höflich bis zum anderen Ende des Abteils.

Freie Sitzplätze interessieren ihn dabei genau so wenig, wie die Entfernung seines Fahrzieles oder die Füße seiner Mitfahrer. Auf mangelnde Kooperation oder Anteilnahme von anderen Fahrgästen reagiert er in der Regel mit Unverständnis und in besonders starken Fällen sogar mit Entrüstung.

2. Der Brummkreisel

Der Brummkreisel tritt meistens in Gruppenstärke in der Größenordnung von einer Kleinfamilie bis hin zu einer größeren Touristengruppe auf. Auch in einzeln soll er jedoch schon gesichtet worden sein. Zu erkennen ist diese Spezies meistens beim Verlassen des Transportmittels. Während sich der normale Fahrgast bemüht relativ schnell und zielstrebig zu seinem Bestimmungsziel zu gelangen, bleibt der Brummkreisel im Einstiegsbereich stehen und dreht sich orientierungslos um sich selber.

Der routinemäßige Ablauf beim Halten wird besonders erheblich gestört, wenn er in größeren Personenstärken auftritt. Von standardmäßigen Aus- und Eingangswegen hat er ebenso wenig eine Ahnung wie von Stadt- oder Fahrplänen. Außerdem hat er eine Vorliebe für Körperkontakt mit seinen Mitmenschen. Ähnlich wie beim Bahn-Walker ist auch das Ego der Brummkreisel ausgeprägt. Aus seinem Verhalten resultierende Probleme werden durch Nichtbeachtung oder Unverständnis abgeschmettert.

3. Der Einsteiger

Der Einsteiger markiert den Gegensatz zum Brummkreisel. Im Kontrast zu seinem potenziellen Artgenossen zeichnet er sich nicht durch Langsamkeit, sondern durch übereiltes Vorgehen aus. Panische Verhaltensweisen sind aber beiden Personengruppen zu eigen.
Beim öffnen der Türen stürzt sich der Einsteiger ohne Rücksicht auf menschliche Verluste in das Fahrzeug. Sein Ziel ist dabei immer gleich: Das Ergattern eines besonders schönen Sitzplatzes, bevor andere ihm zuvor kommen können.

Angesiedelt im unteren und oberen Altersspektrum lebt der Einsteiger jedoch relativ gefährlich, da die Masse der Aussteiger ihm normaler Weise immer überlegen ist. Nicht selten hat er mit mehr oder minder starken körperlichen Beeinträchtigungen zu rechen.

4. Der notorische Zeitungsleser

Die Gruppe, welche am exaktesten zu bestimmen ist, ist die der notorischen Zeitungsleser. Ein Exemplar dieser Passagier-Ausprägung ist immer im mittleren Alter, hat leichtes Übergewicht, schütteres Haar und ist mit einem Kaufhausanzug der unteren Preisklasse ausgestattet. Er tritt meistens in den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag in Begleitung eines Aktenkoffers aus Kunstleder in Erscheinung. Seiner Hauptaktivität geht ein lauter Öffnungsknall, hervorgerufen von den Schnallen seines Koffers, voraus. Gefolgt von einer Zeitungsentfaltungsarie, welche sich über mehrere Quadratmeter und Minuten erstrecken kann.

Auf ständigem Kriegsfuss steht er mit potenziellen Mitlesern. Im Gegensatz zu den anderen kritischen Passagiergruppen hat das Verhalten des notorischen Zeitungslesers jedoch den positiven Nebeneffekt, dass in seinem Umfeld kein Mitfahrer einschlafen und damit den richtigen Ausstiegspunkt verpassen kann.

5. Der Platzhalter

Auch wenn die Platzhalter überwiegend aus jungen Menschen bestehen; ein nicht geringer Prozentsatz stammt auch aus anderen Altersgruppen. Dann sind sie aber überwiegend weiblich. Weder die Personenfülle des Verkehrsmittels noch die Anwesenheit von hilfebedürftigen Personen hat dabei jedoch einen Einfluss auf das Vorgehen. Sitzplätze werden durch Taschen, Jacken, Plastiktüten oder gar Körperteilen vorreserviert. Dabei steht der beanspruchte Platz im doppelten Verhältnis zu den eigenen Körpermaßen.

Bei Zurrechtweisung durch andere Fahrgäste fügt sich der Platzhalter in der Regel immer wortlos. Er ist aber im Folgenden dann in der Lage durch subtile Einflussnahme die weitere Fahrt für seinen Züchtiger zu einer unangenehmen Angelegenheit werden zu lassen.


Achtung Baby – U2s Rückkehr nach Europa

Dezember 15, 2007

Durch die Neuveröffentlichung des U2 Albums The Joshua Tree wird erneut deutlich, wie verdammt gut die Platte und Band eigentlich ist. Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass U2 mit dem Nachfolgealbum Achtung Baby noch eins drauf zusetzen vermochten.

Man mag zu den Iren und insbesondere ihrem Chefdenker Bono stehen wie man will; ihre Qualitäten als Musiker und Songschreiber wird wohl kaum einer ernsthaft anzweifeln. Sicherlich sind die affektierten öffentlichen Gesten – gerade im Zusammenhang mit politischen Ambitionen – von Paul David Hewson (Bonos bürgerlicher Name) für den Normalbürger nicht immer leicht zu ertragen. Neben dem oftmals grenzwertigen und übertriebenen Gesang lassen auch die extremen christlichen Wurzeln von U2 gelegentlich kritische Fragen offen. Mit Achtung Baby lieferten die Dubliner jedoch ihr bestes Werk und eine der besten Platten der letzten 25 Jahre ab.

Nach The Joshua Tree und einer umfangreichen Tour war bei U2 zunächst erst einmal die Luft raus. Kommerziell wie künstlerisch war mit dem Album alles gesagt und erreicht worden. Das Live-Album Rattle And Hum samt zugehörigen Film überbrückte die Zeit zu einem neuen Studioalbum. Es sollte ein radikaler Stilwechsel, hin zu etwas Neuem und einem für U2 untypischen Sound und Style werden. Die sich zu der Zeit in der Wiedervereinigung befindliche Stadt Berlin schien der perfekte Nährboden dafür.

Mit dem Produzentenlegenden Daniel Lanois, Brian Eno und Flood arbeiten die Musiker unter anderem in den Kreuzberger Hansa Tonstudios an der ehemaligen Berliner Mauer. Dort hatten auch schon David Bowie und Iggy Pop knapp zehn Jahre zuvor ihre besten Alben aufgenommen. Das Ergebnis waren die für U2 ungewohnten düsteren Klänge und ein neuer und frischer – rückblickend betrachtet zeitloser – Sound.

Waren noch die letzten Platten von Bono & Co stark von amerikanischer Blues-, Rock- und Countrymusik geprägt, schlug die Band jetzt eine Brücke zurück zur europäischen Popmusik. Die Folge war ein weniger von Americana (während den Aufnahmen zu The Joshua Tree arbeiteten U2 sogar mit The Band Kopf Robbie Robertson zusammen), dafür aber umso mehr von unter anderem David Bowies Avantgardemusik der späten 1970er und den temporären Gitarrensounds der Manchester Szene der frühen 1990er Jahre inspirierter Klang. Es wurde mehr mit Songstrukturen experimentiert, Effektpedale kamen zum Einsatz und die Gitarrenverzerrung erhielt Einzug in die Musik von U2.

Alle zwölf Songs der Platte thematisieren den emotionalen Bruch zwischen zwei Menschen. Die Albumreinfolge kann man als Chronologie des Endes einer Beziehung – von Euphorie am Beginn über Zerwürfnis und Vorwürfen bis hin zu tiefer Depression – gesehen werden. Trotz (oder gerade wegen) dieser oftmals inflationären und beliebigen Thematik hat das Album eine ungewöhnliche Dichte und Geschlossenheit. Mit Ausnahme von vielleicht Tryin’ To Throw Your Arms Around The World oder Acrobat befinden sich auch kaum „Füllertracks“ auf dieser CD.

Wird in der Regel immer völlig zu Recht den revolutionären Klang, die dunkle Atmosphäre und das innovative Songwriting, sowie das unnachahmliche Gitarrenspiel von Gitarrist The Edge als markantestes Alleinstellungsmerkmals des Albums angegeben, so sollte man die cleveren Texte von Bono dabei auch nicht völlig unter den Tisch fallen lassen. Sonst eher leicht ins kitschige und pathetische abdriftende schrieb hier Bono wesentlich klarer, nackter und bescheidener seine Wahrheit nieder. Das Politische ist zum Glück vollständig (bis auf die Angabe der Spendenadressen von Greenpeace und Amnesty International im Booklet) extrem persönlichen Texten gewichen. Diese befinden sich aber auf einem extrem hohen, fast schon dylanesken, Niveau.

Phrasen aus The Fly, Until The End Of The World oder Who’s Gonna Ride Your Wild Horses haben es dabei besonders in sich. Und selbst die im Jahre 2002 von Johnny Cash mit Unterstützung von Red Hot Chili Peppers Gitarist John Frusciante gecoverte Schnulze One entpuppt sich als wirklicher Jahrhundertsong. Bei all dem Herzschmerz fragt sich der Hörer, wie der seit August 1982 mit seiner Jugendliebe Alison Stewart glücklich verheiratete Bono überhaupt in der Lage war diese dramatischen Liebessongs zu schreiben.

Der deutsche Titel des Albums erklärte sich übrigens – neben dem Berliner Entstehungsort – dadurch, dass der Tontechniker Joe O’Herlihy diese Warnung oft während der Arbeit am Album gerufen haben soll. Dabei handelte es sich um ein Zitat aus dem Musical Frühling für Hitler von Mel Brooks.

In der U2-Geschichte folgte die monumentale und übertriebene Zoo TV Tour und der durchwachsende Schnellschuss Zooropa, der zwar mit der Wim Wender Ballade Stay (Faraway, So Close!) und Numb die beiden besten U2-Songs überhaupt enthielt, jedoch als Gesamtwerk nicht wirklich überzeugen konnte. Achtung Baby ist jedoch ein unglaublich wegweisendes und einmaliges Album und die seit Jahrzehnten unveränderte Besetzung von U2 eine der wenigen Konstanten im schnellebigen Pop-Geschäft.


Old Black und Neil Youngs alte Gitarren

September 15, 2007

Willie Nelson hat Trigger, Bruce Springsteen eine umgebaute Telecaster und Neil Young seine geliebte Gitarre Old Black. Neil gilt als leidenschaftlicher Sammler von alten und zum Teil auch billigen Second Hand Gitarren. Auf seiner Ranch Broken Arrow außerhalb von der kalifornischen Reichensiedlung Woodside beheimatet er neben vielen alten Autos und einer Modeleisenbahn auch eine gigantische Gitarrensammlung.

Auch wenn bei ihm im Studio aus soundtechnischen Gründen oft neuere und teurere Instrumente im Einsatz sind; bei Auftritten verwendet er neben diversen Tasteninstrumenten in der Regel seit Jahrzehnten die gleichen fünf Gitarren. Liebevoll gepflegt werden diese seit 1972 von Neils Gitarrentechniker, Gelegenheitsbegleitmusiker und Gitarrensammler Larry Cragg.

Als Neil die erste Rohfassung von Jim Jarmuschs großartiger Dokumentation Year Of The Hourse zu sehen bekam, sprang er fassungslos vom Sessel auf: Jarmusch hatte Filmaufnahmen aus über 20 Jahren von Neil Young & Crazy Horse eindrucksvoll zusammen geschnitten. Neil wurde aber keineswegs vom Kontrast seines jungen Antlitzes mit dem Aktuellen in Rage versetzt, sondern vom Erscheinungsbild seiner damals noch neueren und funkelenden Gitarre Old Black.

Die Gibson R6 Les Paul Goldtop aus dem Jahre 1953 ist Neils Haupt-E-Gitarre seit den späten 1960er Jahren. Zuvor spielte er überwiegend eine Gretsch 6120, welche er unter anderem während seiner Zeit bei Buffalo Springfield einsetzte.

Auch eine Gretsch der Marke White Falcon aus den späten 1950er benutzte Neil von den späten 1960er bis in die frühen 1970er Jahre. Zu hören ist diese unter anderem auf den Songs Ohio, Southern Man, L.A., und Alabama. Ihr Verbleib ist aber spätestens seit dem Neil Young Album Zuma etwas unklar.

Gerüchte besagen, Neil habe sie mit dem damaligen Buffalo Springfield Mitglied Stephen Stills gegen Old Black getauscht. Andere behaupten der Musiker Jim Messina habe als Tausch gegen die legendäre Gibson von Neil eine orange Gretsch-Gitarre bekommen. Fakt ist aber, dass Old Black seit den frühen 1970er Jahren auf fast allen elektrischen Konzerten von Neil Young zu hören war.

Im Laufe ihrer über fünfzigjährigen Existenz wurde Old Black mehrfach umgebaut. Die originalen Pickups wurden durch einen DiMarzio Single-Coil, einen Mini-Humbucker aus einer Gibson Firebird Gitarre und einem P-90 Pickup ersetzt. Außerdem wurde ein neuer Kippschalter installiert, der es Neil ermöglicht, alle weiteren Schalter (unter anderem Tone und Volume Regler) und Einstellungen zu umgehen und direkt seinen Sound vom Humbucker in den Verstärker zu schicken. Die wohl bekannteste und wichtigste Neuerung an der schwarzen Gitarre ist jedoch das Bigsby B7 Vibrato System. Der zugehörige Tremolohebel, mit dem Töne variiert werden können, ist ein relevanter Bestandteil von Neils E-Gitarrensound.

Ihren Namen hat Old Black wahrscheinlich durch eine amateurhafte Umlackierung erhalten. Der vermutliche standardmäßig goldene Körper wurde dabei anscheinend schwarz umgesprüht. Auch das bei Goldtops in der Regel weiße Plastikschlagbrett ist dabei wohl ausgetauscht worden. Das neue Schlagbrett ist aus Aluminium und damit mitverantwortlich für eine stärkere Feedbackanfälligkeit der Gitarre. Auch diese ist nicht unwichtig für den individuellen Gitarrensound von Neil Young.

Das Gibson Les Paul Logo auf dem Gitarrenkopf legt nahe, dass entweder der Hals gegen einen von einer anderen Gibson (vermutlich einer Gibson SG) ausgetauscht wurde, oder das es sich bei Old Black in Wirklichkeit um einen Gold Top Deluxe Nachbau aus dem Jahre 1968 handelt. Bekannt ist Old Black außerdem wegen dem markanten Gitarrengurt auf dem Peacesymbole und Friedentauben zu sehen sind. Das beeindruckendste sind jedoch die Abnutzungsspuren am Hals und Körper der Gitarre. Dort ist nämlich nicht selten der Lack ab und das blanke Holz zu sehen.

Eine weitere wichtige Gitarre von Neil Young ist die Westerngitarre Hank der Marke Martin D-28. Dieser Spitzname rührt von dem früheren Besitzer, der Countrylegende Hank Williams, her. Williams Sohn, der „Country Outlaw“ Hank Williams Jr., hatte die Gitarre seines Vaters gegen ein paar Schrottflinten getauscht. Nach einigen Eigentümerwechseln kam sie nach einiger Zeit in den Besitz von Grant Boatwright.

Als Neil Young Mitte der 1970er Jahre auf der Suche nach einer neuen Akustikgitarre war, arrangierte sein Freund Tut Taylor den Kauf zu einem nicht bekannten Preis. Seitdem ist Neil seit über 30 Jahren mit Hank auf Tournee und im Studio unterwegs. Mit dem Song This Old Guitar von seinem vorletzten Album Prairie Wind hat er ihr ein Denkmal gesetzt. Für ein paar Monate soll Neil diese Gitarre sogar Bob Dylan ausgeliehen haben.

Eine vor Hank oft benutzte Westerngitarre, welche auch heute noch oft verwendet wird, ist Neils Martin D-45. Auf ihr hat er viele seiner frühen Songs, wie zum Beispiel Old Man, geschrieben und eingespielt. Neben einer weiteren Martin 12-Saiter Akustikgitarre verdient noch ein Gibson Mastertone Banjo aus dem Jahre 1927 eine besondere Erwähnung. Das Instrument hat sechs Saiten und wird wie eine Gitarre gestimmt. James Taylor spielte es auf der Aufnahme zu Old Man und bei dem Klassiker Old King von der jüngsten Neil Young DVD Heart Of Gold aus dem Jahre 2006 hat es der Meister selber zwischen den Fingern.

Obwohl jede dieser Gitarren heute mehr an kommerziellen Wert besitzen dürfte als eine kleine Eigentumswohnung, ist es doch beeindruckend das Neil Young seit so vielen Jahrzehnten mit den gleichen Instrumenten arbeitet. Beim Kauf und Bau eher solide Standardinstrumente der mittleren Preisklasse, hat sich deren realer und besonders ideeller Wert um ein vielfaches potenziert. Das Spielen hat sie mächtig gemacht.

Neil Young mit Old Black und Pearl Jam spielen Keep On Rockin In A Free World beim MTV Video Music Award 1993:


Bob Dylan spielte in der Max-Schmeling Halle in Berlin

Mai 3, 2007

Der Academy Award of Merit (so der offizielle Name des Oscars), welchen Bob Dylan im Jahre 2001 völlig zu Recht für den Soundtracksong Things Have Changed des großartigen Filmes Wonder Boys erhalten hatte, stand ganz oben auf dem kleinen Gitarrenamp des Meisters. Da die Originalität der Trophäe nicht näher zu bestimmen war, greift in diesem Falle die popkulturelle Unschuldsvermutung.

Das viel Interessantere an dieser Tatsache dürfte jedoch nicht die kleine Figur, sondern der Verstärker an sich sein, denn Dylan ist nach Jahren der Saiten-Live-Abstinenz zurück an der Gitarre. Zumindestens für die ersten vier Songs des Konzertes und diesen europäischen Abschnitt der offiziell beendeten, aber niemals enden wollenden Never Ending Tour.

Bob Dylan schaffte an dem Donnerstagabend des 3. Mai in der Max Schmeling Halle in Berlin das, woran so viele Demoskopieinstitute in Deutschland oftmals scheitern: Eine möglichst originalgetreue Abbildung der bundesrepublikanischen Gesellschaft anhand einer kleinen Auswahl von repräsentativen Personen. Obwohl die oberen Ränge tendenziell eher leer blieben, waren vom Teeny bis hin zum seriösen Greis fast alle Altersgruppen im Publikum vertreten. Die älteren Jahrgänge natürlich analog zur der sich ändernden Bevölkerungszusammensetzung eher stärker als der junge Nachwuchs.

Als Bob Dylan mit Hut und Cowboyboots um Punkt 19.31 Uhr die Bühne betrat und mit dem von George Harrison auf dem The 30th Anniversary Concert verunstalteten „Absolutely Sweet Marie“ begann, sah es zunächst schlecht aus. Bleich, steif und sogar für seine Fälle unmotiviert wirkend gab er dem mit einem imposanten Bart und langen Haaren ausgestatteten, sowie zu Beginn von einem etwa achtjährigen Mädchen assistierten Bühnenmischer, entnervt flüchtige Anweisungen. Nebenbei schüttelte er mehrfach sein rechte Hand aus. Sollte an den Theorien über Dylans steife Finger und der daraus resultierenden Unfähigkeit länger Gitarre zu spielen etwas dran sein?

Mit „Don’t Think Twice, It’s All Right“ und „Just Like Tom Thumb’s Blues“ folgten dann sofort weitere Kracher des Bob Dylans der frühen 1960er Jahre, jedoch erst mit „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“, einem von Dylans besten Songs (falls man bei so einer Hitfrequenz überhaupt so etwas behaupten kann) schaltete die Band und besonders ihr Sänger schlagartig in den höchsten verfügbaren Gang um.

Der Hauptbestand des 17 Stücke umfassenden Sets bestritten ungewöhnlich viele Lieder vom letzten Dylanalbum Modern Times aus dem Jahr 2006. Sechs Songs wurden davon an diesem Abend intoniert, wobei leider die besten Stücke – das bisher erst einmal Live gespielte „Ain’t Talkin’“ und die Merle Haggard Hommage „Workingman’s Blues #2″ – fehlten.

Dafür kehrte als Entschädigung die wieder in Dylans Liveset Einzug gehaltene Kirchenfreizeithymne „Blowin’ In The Wind“ und das moderne Folkdrama „Tangled Up In Blue“ zurück. Gerade der zuletzt genannte Song war einer der Highlights des Abends. Ein Weiterer war Desolation Raw, der wie immer beindruckend solide und „tight“ dargeboten wurde. Mit zwei weiteren Songs vom vorletztem Album Love And Theft und der konsequenten Umgestaltung von älteren Lieder wurde eine eindeutige Absage an Nostalgie und Vergangenheitsarien vieler musikalischer Alterskollegen Dylans formuliert.

Bei dem folgerichtigen Manifest für die ewige Jungend, „My Back Pages“, vergriff sich der kurzsichtige Bobby dann schon mal bei der richtigen Harmonika – oder spielte einfach nur schief. Erst der da drauf von Dylan befragte Steelgitarist und Mann für die Zwischenräume Donnie Herron, wusste Rat über die exakte Tonartenaufschrift auf der Harp. Solche Dinge sind es die so ein Konzert zu einer unvergesslichen Erinnerung werden lassen und die übermächtige Person Bob Dylan glücklicher Weise auch zum fast normalen Menschen degradieren.

Die fünfköpfige, bis auf Herron mit Hut ausgestattete Gruppe um Bandleader und Bassist Tony Garnier hatte sichtlich Spaß am spielen und taute im Laufe des Abends immer weiter auf. Besonders Leadgitarrist Denny Freeman erhielt mehrfach gerechterweise von einem gut gelaunten Publikum Zwischenapplause für seine perfekten melodisch-blusigen Solis.
Übernahm Dylan bei den ersten vier von ihm an der Gitarre gespielten Liedern selbst noch zeitweise mal die Melodieführung im Mittelpunkt des Geschehens, so überließ er nachdem er an die Heimorgel gewechselt hatte, dieses im folgenden fast vollständig der gut eingespielten Band. Selbst Schlagzeuger George Recile suchte sich seinen Raum und entpuppte sich immer mehr als Drumgenie, was auf älteren Aufnahmen und Livedarbietungen oft genug im Soundbrei unterging.

Der Klang in der relativ neuen Max Schmeling Halle war auch wesentlich besser als bei der letzten Dylan Station in der Arena in Berlin-Treptow vor etwa anderthalb Jahren. Das Echo schlug dem Innenraumzuschauer zwar immer noch sanft auf den Hinterkopf, ließ aber keine Hallsperenzien zu wie bei dem Fabrikhallengig des 25. Oktobers im Jahre 2005.
Erfreulich war auch das im Verhältnis zum letzten Berlinkonzert (bis auf zwei Ausnahmen) komplett andere Songs gespielt wurden. Anscheinend werden die Setlisten von Bob Dylan doch systematisch erstellt. Oder war dies bloß ein Zufall und die Folge der Livewürdigung der neuen Songs des neuen Albums?

Nach einer für Dylanverhältnisse eher lange Pause nach „Blowin’ In The Wind“ folgten die sich mittlerweile als Standardzugaben etablierten „Thunder On The Mountain“ und das obligatorische „All Along The Watchtower“. Die an dieser Stelle oft gespielten „Highway 61 Revisited“ und „Like A Rolling Stone“ fehlen leider völlig in diesen Konzert.

Um 21.39 Uhr war dann nach einer für den aktuellen Bob Dylan eher langen Publikumsansprache und Bandvorstellung alles schnell vorbei. Innerhalb von wenigen Minuten war die komplette Bühne abgebaut und man wurde von Ordnern freundlich aber bestimmt zum Verlassen des Saales aufgefordert. Das Ordnungspersonal ging an diesem Abend auch ungewöhnlich offensiv gegen das Fotografieren vor und griff immer Menschen aus dem Publikum raus, die sich nicht an die strengen Spielregeln hielten.

Die Frage ob Dylan einen Teleprompter benutzte, einen Ehering trug und damit wieder verheiratet ist, oder ob er sich seinen dünnen Schnurrbart abrasiert hatte, muss leider weiter unbeantwortet bleiben. Aber vielleicht war ja der Oscar auf dem Gitarrenverstärker auch bloß nur eine Attrappe. Mehr dazu vielleicht beim nächsten Berlinkonzert von Bob Dylan in einem Jahr.

Die Gebetsliste dieses Gottesdienstes:

1. Absolutely Sweet Marie
2. Don’t Think Twice, It’s All Right
3. Just Like Tom Thumb’s Blues
4. It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)
5. The Levee’s Gonna Break
6. Desolation Row
7. Honest With Me
8. When The Deal Goes Down
9. Rollin’ And Tumblin’
10. My Back Pages
11. Spirit On The Water
12. Tangled Up In Blue
13. Nettie Moore
14. Summer Days
15. Blowin’ In The Wind
Zugabe:
16. Thunder On The Mountain
17. All Along The Watchtower

Ein Ausschnitt von Desolation Row von letzter Woche (27.4.2007) aus Mailand, Italien: