
Seit Kill Bill bin ich stocksauer auf Quentin Tarantino. Nachdem der Starregisseur in den 1990er-Jahren mit Pulp Fiction einen modernen Klassiker abgeliefert hatte und diese Leistung mit Jackie Brown sogar noch übertraf, sorgten die langatmigen Kill-Bill-Filme mit überflüssigen Gewaltausbrüchen und klischeehaften Urangstszenen bei mir für Entrüstung.
Während Regiegenies wie John Ford oder Alfred Hitchcock ihre Zeit mit dem Drehen von Filmen verbracht haben, hatte Tarantino wohl anscheinend etwas Besseres zu tun. In seiner über 20jährigen Karriere in Hollywood kann der Mann aus Tennessee nur eine Handvoll von ihm verantworteter Filme vorweisen. Auch wenn das Argument „Qualität vor Quantität“ gegen die oben erwähnte Regisseurbrocken nicht wirklich zieht, kann es in diesem Fall jedoch vielleicht noch für Verständnis sorgen.
Jetzt also Inglourious Basterds. Viel wurde geschrieben über den neusten Tarantino-Film. Schon während der Dreharbeiten im Hinterland von Berlin war kaum ein Entkommen vor der Berichterstattung über die zukünftigen Inglourious Basterds. Ich habe trotzdem versucht alle Meldungen zu ignorieren und den Zug des Infotainment ein mediales Gleis weiter an mir vorbeirauschen zu lassen.
Dementsprechend unvoreingenommen saß ich dann am günstigen Kinotag im ehemaligen DDR-Premierenkino Kino International in der Karl-Marx-Allee in Berlin. Eingepfercht zwischen geruchstoffesabsondernden Humanoiden mit Hang zur Geräuschverbreitung und Alkoholaufnahme waren die Grundbedingungen eher suboptimal.
Doch erfreulicherweise gingen die fast 160 Minuten Inglourious Basterds überwiegend kurzweilig über die Bühne. Der Film war recht unterhaltsam, relativ lustig und erstaunlich spannend. Auf nervige Videospielsequenzen der letzten James-Bond-Batman-Star-Wars-Orgien wurde zum Glück verzichtet. Überwiegend ruhige Kamerafahrten und eine kammerspielartige Inszenierung sorgten für eine solide Ausgangslage.
Das der Autorenfilmer Tarantino fast zehn Jahre an der Geschichte gearbeitet hatte, konnte man ihr dann auch anmerken. Trotz der tarantinoüblichen Filmzitate war das Drehbuch sehr gut konstruiert und gehört sicherlich zu eines der stärkeren Einzelteile des Films. Ein weiteres waren einige der Schauspieler des mit deutschen Gesichtsverleihern gespickten Ensembles.
Schöngesicht Brad Pitt lieferte erneut eine erstaunliche Performance ab. Nach seinen brillanten Darstellungen in Fight Club, Snatch und Seven scheint sich der gescheiterte Journalist als einer der besten populären Hollywood-Schauspieler der heutigen Zeit fest zu etablieren.
Auch der Österreicher Christoph Waltz war als Verkörperung des Bösen eine positive Überraschung. Genauso wie August Diehl, der schon seit 23 zu einem der besseren aktuellen deutschen Schauspieler gezählt werden kann. Mit der jungen Französin Mélanie Laurent als „Revenge Of The Jews“ gelang Tarantino sogar eine beeindruckende internationale Neuentdeckung. Auch „Manta, Manta“-Darsteller Til Schweiger konnte nicht seine Chance nutzen, den Kinobesucher zu nerven oder zum Fremdschämen zu animieren. Dies lag vielleicht aber auch daran, dass er relativ schnell und verdient den Filmtod frönen durfte.
Bei Daniel Brühl sah dies leider schon etwas anderes aus. Auch wenn er in der Lage war seine Figur mit der erforderlichen Schleimigkeit zu füllen kamen bei der Betrachtung seines Spiels keine wirklichen Glücksgefühle auf. Beim Antlitz von „Punk-Rocker“ Bela B. bin ich dann fast vor Wut aus meinem Kinosessel aufgesprungen.
Martin Wuttke mag besser sein als sein mutmaßlicher Volksbühnen-Counterpart und DDR-Volksschauspieler Henry Hübchen. Als bescheuerter Adolf Hitler war er nicht sehr überzeugend. Dies mag aber auch an Tarantinos Regieanweisungen liegen, den Diktator überzogen und unrealistisch als Witzfigur darzustellen.
Sylvester Groth hatte zum zweiten Mal den Goebbels gespielt. Auch durch die Wiederholung wurde es leider nicht wirklich besser. Dafür war Rod Taylor als Winston Churchill sehr amüsant und auch Mike „Party on, Wayne“ Myers konnte standardgemäß abliefern. Meine potentielle Nachbarin Jana Pallaske hatte ich zuerst gar nicht erkannt. Dies war aber deswegen rückblickend doch ganz erfreulich.
Das die Filme von Quentin Tarantino gespickt sind mit den vielförmigsten Anekdoten der Filmgeschichte ist hinlänglich bekannt. Auch die zentrale Bedeutung der Musikauswahl wird den meisten Kinogängern bekannt sein. Erstaunlich ist trotzdem, dass sich die Musik von Inglourious Basterds ausschließlich aus den Soundtracks anderer Filme zusammensetzt.
Ennio Morricone Arbeiten zu legendären Italowestern zu verwenden war da mehr als naheliegend. David Bowies Song Cat People (Putting Out Fire) für den Film Katzenmenschen kam dann überraschend und erfrischend unvorsehbar vor. Dagegen war die Für-Elise-Melodie von Ludwig van Beethoven im Intro schon etwas zu naheliegend im Angesicht der Film-Thematik.
Besonders erstaunlich ist, dass Tarantino in Inglourious Basterds eine Hauptfolgen der NS-Zeit klarer zusammengefasst hat als so mancher Historiker: Viele Täter und Verbrecher legten nach dem Krieg ihre Uniformen ab und fuhren oftmals ungestraft und ungehindert mit ihrer Karriere fort. Doch mit einer Harkenkreuznarbe auf der Stirn ist das nicht so einfach möglich – so das ironische Fazit von Tarantino. In diesem Zusammenhang ist es auch erfreulich, dass eindeutig Stellung zu NS-Kollaborateuren wie Emil Jannings und Leni Riefenstahl bezogen wurde.
Prinzipiell habe ich als Anhänger einer Generation der die Gnade der späten Geburt zuteil wurde keine grundsätzlichen Probleme an einer maßvollen kulturellen Auf- und Verarbeitung des Dritten Reichs. Doch der von mir nicht sehr geschätzte Zeit-Autor Jens Jessen spricht einen wichtigen Punkt an, indem er schreibt: „Das Brutalste des Films ist seine Leichtfertigkeit. Es ist ihm alles nur ein blutiger Scherz.“ Vielleicht hätte ich doch wirklich nach Kill Bill meine Auseinandersetzung mit dem Werk von Quentin Tarantino beenden sollen.
Verfasst von Jens Kupillas