Welche Nachteile Vinyl-Schallplatten haben

August 20, 2008

Wer etwas in der musikalischen Welt auf sich hält kauft analoge Vinyl-Schallplatten und posaunt das bei jeder Gelegenheit auch in das digitale Universum hinaus.

Die Vorteile liegen dabei ja auch klar auf der Hand: Die jetzt 60 Jahre alte Schallplatte klingt vermeintlich besser und ehrlicher als normale digitale Tonträger, durch die Größe des Covers wird das haptische Erlebnis zusätzlich verstärkt und die Unmöglichkeit des hin- und her-“skippens“ führt meistens dazu, dass der Hörer Alben auch wieder richtig und vollständig hört. Von „politischen“ Gründen für die CD-Abstinenz ganz zu schweigen.

Das in den letzten Jahren besonders im englischsprachigen Pop-Ausland wieder mehr, aber immer noch im Verhältnis zu vergangenen Absatzzahlen oder aktuellen CD-Verkaufszahlen erschreckend wenig Leute Platten kaufen, hat sicher auch etwas mit den obsoleten digitalen Speichermedien zu tun.

Viele Nutzer lesen mittlerweile die Daten von den kleinen silbernen Scheiben nur aus, um sie dann auf dem MP3-Player oder auf der Computerfestplatte zu verwalten und um Musikdateien platzsparend zu transportieren. Es scheint jedoch, als wäre die CD in Musikliebhaberkreisen bereits nach etwa 20 Jahren schon wieder zu einem Auslaufprodukt geworden.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass selbst die Hochphase des Vinyls im Verhältnis zu der dessen Vorgänger der Schellack-Platte zeitlich wesentlich geringer war. Einige Plattensammler – wie der kompetente Joe Bussard – lehnen noch heute den Vinylkonsum konsequent als modernen Wahnsinn ab.

Doch in Zeiten wo viele Plattenhändler eher potenzielle Abzocker, anstatt verlässliche Kundenberater sind, ähnelt der Schallplattenkauf nicht selten der Teilnahme an einer Lotterie. Viele gebrauchte und sorgfältig geprüfte Exemplare des immer teurer werdenden schwarzen Musikgoldes knacken, knistern und leiern selbst nach intensiver Reinigung.

Die Plattenregale sind gefüllt mit schlechten holländischen Schwarzpressungen und russischen Billig-Neuveröffentlichungen. Und sogar der Klang der Neuausgaben von großen Labels ist nicht selten eher bescheiden, da oftmals das vorliegende CD-Master im Ausland auf zu dünnem Vinyl gepresst wurde. Der Sound der Platte ist dann nicht selten tot und leblos.

Selbst wenn dem Sammler eine gut erhaltende Originalausgabe oder eine 180-Gramm-Neuveröffentlichung den Spaß am Plattenkaufen erhält; der Kunde weiß im Gegensatz zum CD-Kauf selten wirklich genau, was er für sein Geld bekommt. Denn oftmals halten neue Ausgaben von alten Platten dem Vergleich mit dem Original nicht stand.

Auch wenn mit digitalen Medien schwer glaubwürdig als DJ aufzulegen und viel gute Musik überhaupt nie oder erst viel später digital erschienen ist: Der größte Nachteil der klobigen Schallplatte ist sicherlich, dass man sie schwer brennen, runterladen oder beliebig vervielfältigen kann.

Im Angesicht von mit klirrenden MP3s aus Laptoplautsprechern und iPods zufrieden gestellten Musikrezipienten, mag dieser Nachteil für die Zukunft dieses momentan gut funktionierenden Nischenmarktes erschreckend schwerer wiegen als manche glauben. Denn was nützt die beste Soundqualität, wenn man sie nicht adäquat wiedergeben kann oder man diesbezüglich gar keinen Anspruch hegt. Aber letztendlich kommt es ja auf die Musik an und nicht auf das Medium, oder etwa doch nicht?


Wolf Biermanns Indie-Platte Chausseestraße 131

August 17, 2008

Der durch zahlreiche Preise und Ehrungen hochdekorierte Freiheitskämpfer Wolf Biermann hat in den letzten Jahren subjektiv betrachtet sicherlich einige kulturelle Verbrechen begangen. Neben seinen Bob Dylan und William Shakespeare Verschlimmbesserungsübersetzungen nervten besonders seine Statements zu belanglosen Themen des öffentlichen Lebens. Eines der interessantesten musikalischen Tatsachen über den Barden mit dem Walrossbart dürfte jedoch sein erstes richtiges Album Chausseestraße 131 aus dem Jahre 1968 (sic!) sein.

Nachdem der Sohn eines 1943 als Jude in Auschwitz ermordeten kommunistischen Werftarbeiter den Mitschnitt von seinem ersten Gastspielauftritt in der Bundesrepublik Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West) und den Lyrikband Die Drahtharfe in Westdeutschland veröffentlicht hatte, verhängte das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 ein totales Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR gegen ihn. Auch in die SED wollte man ihn nicht aufnehmen, da die Zuständigen damals der Ansicht waren, Biermann könnte die Vielzahl seiner künstlerischen Aktivitäten nur durch massiven aufputschenden Drogenkonsum vollbracht haben.

Aufgrund dieser Einschränkungen war es für den während der Aufnahmen zu Chausseestraße 131 fast 32-jährigen Musiker um einiges schwieriger seine Lieder auf den DDR-Plattenlabels Amiga oder Eterna zu veröffentlichen, geschweige denn ein professionelles Tonstudio zu benutzen. Die Aufnahmen fanden dann in Biermanns Berliner Wohnung unter der selben Adresse mit Hilfe eines von Freunden aus dem Westen organisierten Grundig-Tonbandgeräts, sowie eines von seiner Mutter unter ihrem Rock durch die Kontrollen im Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße geschmuggelten Sennheiser 421-Mikrofons, statt.

Durch die Kugelcharakteristik des Mikros wurden dabei jedoch auch noch die Geräusche von sich am Haus vorbei bewegenden Straßenbahnen, Autos, Hunden und Menschen mit eingefangen. Nachdem Biermann zunächst versucht hatte die Geräuschkulisse durch Wolldecken vor den Fenster oder Aufnahmesessions in der Nacht oder am Wochenende zu mindern, wurde letztendlich beschlossen die Fenster extra zu öffnen um durch den Chausseestraßen-Sound dem Album einen authentischen Ausdruck zu verleihen. Diese Umstände machten die Platte wahrscheinlich zu einem der ersten bekannten deutschen Lofi-Indie-Homerecording-Projekten überhaupt.

Beim hören der Einspielung irritiert einem jüngeren Hörer sofort der raue, wütende und aggressive Klang der Aufnahmen. Nur zum Teil ist dies der Soundqualität geschuldet. Vielmehr singt und spielt Biermann auf vielen Liedern mit einer erstaunlichen, aber durch die Umstände auch verständlichen Wut.

Damit steht diese Platte im krassen Gegensatz zu den herkömmlichen ostdeutschen Kulturprodukten der selben Zeit. Lieder wie Die hab ich satt haben auch heute nicht viel von ihrer Aktualität eingebüsst und vermitteln, trotz des zeitgeschichtlichen Bezugs, eine zeitlose Authentizität.

Die selbe Platte soll im Jahre 1975 für CBS laut Biermanns eigenen bekunden in einem amüsanten, fingierten Interview auf der Rückseite der Schallplattenhülle nochmal neu eingespielt worden sein. Allerdings sind im direkten Vergleich für den Laien kaum großartige Unterschiede zwischen diesen beiden Ausgaben zu erkennen.

Die „Originalaufnahmen“ von Chausseestraße 131 wurden dann erwartungsgemäß nur in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht. Das dafür verliehene Preisgeld von 10.000 DM des Fontane-Preises der Stadt West-Berlin spendete Biermann dem damaligen APO-Anwalt und späteren Rechtsextremisten und Antisemiten Horst Mahler für die Verteidigung von Westberliner Studenten.

Mit der Platte Chausseestraße 131 lieferten Biermann jedoch der Stasi nicht nur die richtige Adresse des kulturellen Staatsfeindes, sondern auch einen Vorwand für weiter Maßnahmen gegen ihn frei Haus mit. Seine Ausbürgerung aus der DDR im November 1976 war damit nur noch eine Frage der Zeit.

Dieses Konzert in der Kölner Sporthalle vom 13. November 1976 diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung Wolf Biermanns:


Eine musikalische Reise nach Hannover-Linden

August 13, 2008

Seit Weihnachten 2007 fahre ich ungefähr einmal im Monat in die alte Heimat nach Hannover-Linden, um dort mit alten Weggefährten informelle Wohnzimmer-Musik-Sessions abzuhalten. In diesem Zeitraum haben wir bis jetzt 106 Lieder mit meinem Laptop Live und ohne groß zu zögern aufgenommen.

An diesen in der Regel akustischen Ereignissen waren bisher folgende Musiker beteiligt: Cyman Lee (The Trashlords, Zoonamii), Sarge (The Trashlords, Zoonamii, Disco Darlings), Olli (Greener), Ben Blome, Niklas Pfeil (van Heugen, Ella, Reebosound), W. Hank Daniels, Frank Meusel (H.O.R.E.) und meine Wenigkeit. Dabei kamen Instrumente wie Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mandoline, Akkordeon, Glockenspiel, Mundharmonika und diverse Perkussiongeräte zum Einsatz.

Die größtenteils als „First Take“ aufgenommenen Songs waren meistens Eigenkompositionen von Cyman Lee oder von mir. Allerdings spielten wir auch einige Coverversionen von so illusteren Songwriting-Genies wie Bob Dylan, Merle Haggard, Guy Clack, David Allen Coe, Kris Kristofferson, Mono für alle!, Hank Williams, Tom Petty, Bruce Springsteen, John Prime, Kinky Friedman, Hank III, John Fogerty oder Willie Nelson.

Letztes Wochenende war es dann wieder soweit: Mit einer über die Mitfahrgelegenheit gebuchten unorthodoxen Reisemöglichkeit begab ich mich etwa 300 Kilometer weiter westwärts. Aufgrund urlaubsbedingter Fehlzeiten fanden die Aufnahmen diesmal nur in einem eher kleineren Rahmen, bestehend aus Frank, Sarge, W. Hank Daniels und mir, statt. Folgende neun Songs haben wir aufgenommen. Einige könnt Ihr Euch auch hier anhören und runterladen.

Update: Jetzt gibt es auch einen Song mit W. Hank Daniels an den Lead-Vocals hier zu hören. Und zwar: Country Heroes.

Jens Kupillas & The Trashlords
(feat. W. Hank Daniels & Frank Meusel)
The Street Fighting Men Session

01 Old Friends
02 My Humble Heart
03 Country Heroes
04 In Every Life A Little Rain Must Fall
05 The Ballad Of Ira Hayes
06 Long Haired Redneck
07 With The Old Breed
08 Without Feathers You Can’t Fly
09 Sold American


Der VW Golf als Tourbus für unterbezahlte Rockstars

August 11, 2008

Am letzten Sonntag (10. August 2008) ist in der Welt am Sonntag von mir eine Anekdote zu meiner eigenen Musikgeschichte erschienen: Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Golf VI Modells von Volkswagen im Oktober, war es an der Zeit meine Erfahrungen mit diesem Gefährt zu rekapitulieren. Das Ergebnis kann man sich nun auch hier bei WELT ONLINE anschauen.

P. S. Das Demo „Gear Out!“ vom 28. September 2004 zur selben Thematik (aufgenommen mit tatkräftiger Unterstützung von Cyman Lee) ist hier bereit gestellt.


Die Musikindustrie stirbt trotz Radiohead allein

August 5, 2008

Jüngst ist heraus gekommen, dass der große Marketing-Gag zu Radioheads überbewerteten Album In Rainbows, wie so oft bei Marketingmaßnahmen, ein totaler Flop gewesen sein soll. Die britische Gruppe hatte schon im Oktober 2007 zur Promotion ihres Ende 2007 erscheinenden Albums die Aufnahmen auf ihrer Website zum Download in schlechterer Audioqualität und ohne Booklet angeboten. Als Gegenleistung wurde um eine im Ermessen des Nutzers liegende Spende gebeten.

Später ist dann allerdings an die Öffentlichkeit gekommen, dass erstaunlich wenigen Menschen Radioheads Musik eine Spende wert war. Nun teilte zu allem Überfluss auch noch die Mechanical Copyright Protection Society mit, dass sich die Nutzer In Rainbows häufiger von nicht subventionierten Tauschbörsen herunterluden, als von der offiziellen Radiohead-Website. Ob dieses Verhalten nun illegal war oder nicht, müssen wohl die Anwälte später entscheiden.

Das Ergebnis der Studie offenbart jedoch wieder einmal ein Paradoxon der modernen Kulturindustrie. Im Gegensatz zum Büchermarkt, indem immer mehr Menschen der westlichen Hemisphäre Bücher kaufen, im Gegenzug dazu aber immer weniger lesen, scheinen sich immer mehr potenzielle Konsumenten für Musik zu interessieren, allerdings ohne die Bereitschaft in die konservierten Kommerzprodukte zu investieren. Die Konzertsäle von alternden Rockstars sind allerdings auch trotz der zum Teil unverschämten Eintrittspreisen meistens prall gefüllt, der Merchandisingabsatz läuft gut und Musik-Internetportale und Tauschbörsen verzeichnen nicht mehr zu erfassende Zugriffszahlen.

Ob nun durch Musikpiraterie im Internet, einer generelle Marktsättigung, das Versagen des Hit-orientierten Geschäftsmodells, die Veränderung der Konsum- und Lebensgewohnheiten oder einfach nur das Nachlassen der musikalischen Qualität: Die Ursachen, warum sich die Umsätze der Tonträgerindustrie in den letzten Jahren fast halbiert haben (Im Klartext: Es kaufen heute nur noch etwa die Hälfte der Menschen CDs und Platten wie zum Ende der 1990er Jahre!) sind sicher so viele, wie es MySpace-Profile gibt.

Sie führen allerdings zu einem ästhetischen und existenziellen Problem für die Zukunft der kommerziellen Musikverbreitung. Denn die Illusion, dass all die Computerkids da draußen mit ihren Laptops ähnlich qualitativ hochwertige Musik kreieren, entdecken und vermarkten können, wie es eigentlich nur gut ausgebildete Tontechniker und finanzstarke Plattenfirmen vermögen, ist ein fataler Irrtum. So sehr es für den Einzelnen von großem Vorteil zu sein scheint; so sehr ist das Nachlassen der Musikqualität seit Mitte der 1990er auch eine subjektive Bestätigung der aufweichenden Arbeitsteilung in der Musiklandschaft.

Gute Musik ist aber sicherlich genug vorhanden, so dass ein Menschenleben bei weitem nicht mehr ausreicht, dies alles hinreichend zu rezipieren. Also auch wenn jede neue Epoche ihre eigene Kunst und Kultur wirklich erfordern sollte; der Bedarf an neuen Liedern ist objektiv betrachtet jedoch eher gering.

Den Musikmanagern bleibt zur Rettung da wohl nur noch übrig neue Wege zu gehen und auch unerschlossene Bereiche vollständig zu kommerzialisieren. Der noch schwach wachsende Klassikmarkt hat gezeigt, wo noch Kapital in der Musik drin stecken kann. Denn wenn die Kids kein Geld mehr bereit sind für Musik auszugeben, ältere Semester, die noch anders sozialisiert worden sind, sind es unter Umständen vielleicht schon. Die logische Konsequenz daraus wäre Musik eher für ältere Zielgruppen zu machen und zu veröffentlichen. Denn diese haben in der Regel noch eher das nötige Geld über und sind bereit dieses auch für überteuerte Tonträger auszugeben.

Eine der positivsten Begleiterscheinungen dürfte neben der weltweiten Verfügbarkeit von Musik und deren artverwandte Informationen sicherlich die Tatsache sein, dass die Menschen in Zukunft nicht mehr vordergründig Musik machen können um schnell reich, berühmt und sexy zu werden, sondern weil es ihnen wirklich um die Musik an sich geht.

Das Marketingkonzept zu In Rainbows, was nur für eine etablierte und über Jahrzehnte von der Musikindustrie aufgebaute Band wie Radiohead möglich war, scheint jedoch trotzdem ein voller Erfolg gewesen zu sein. Die Platte stieg Anfang 2008 in vielen Ländern direkt auf Platz 1 in die Charts ein. Radiohead, eine Band, die wie kaum eine andere von der finanziellen und infrastrukturellen Macht der Plattenfirmen profitiert hatte, dürfte dies sicherlich weniger tangieren. Denn deren existenzielle Schäfchen sind schon lange im trockenen Dock der gesicherten Alterfürsorge.


Jeffrey Lewis Sings The Brooklyn Bound Blues

August 5, 2008

Jeffrey Lewis am 25. Juni 2008 zusammen mit Hellen Schreiner im Union Pool in Williamburg, Brooklyn

Jeffrey Lewis am 25. Juni 2008 auf der Bühne des Union Pool in Williamsburg, Brooklyn, NYC

Der Comic Zeichner und Singer-Songwriter Jeffrey Lewis hat anscheinend eine ähnliche Vorstellung davon, was einen songdienlich spielenden Gitarristen ausmacht wie ich. Bei seinen Auftritten lässt der Absolvent des New Yorker Purchase College gelegentlich die wenigen „Jesusakkorde“ von einigen seiner Lieder durch beliebige Konzertbesuchern auf der Gitarre spielen.

Das er sich jedoch anscheinend meistens an die Devise von Mike Patton „If you want to make experimental music, don’t experiment on stage“ hält, beweisen seine ausgeklügelten und einstudierten Songstrukturen. Auch wenn seine Lieder oftmals beliebig und improvisiert wirken; sie sind in der Regel auskomponiert und gut einstudiert.

Ein schönes Beispiel dafür ist der beeindruckende Song Williamsburg Will Oldham Horror. Schon vor über drei Jahren erschien die „Hommage“ an Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy auf der Platte City And Eastern Songs. Auf dem Album, welches der Musiker zusammen mit seinem jüngeren Bruder Jack auf dem englischen Indie-Label Rough Trade veröffentlichte, wechseln sich rockige Indie-Songs mit sogenannten Anti-Folk Nummern ab. Williamsburg Will Oldham Horror repräsentiert dabei die akustische Seite und ist so etwas wie ein humorvolles Manifest für eher mäßig erfolgreiche Musiker um die 30.

Das zugehörige, an Originalschauplätzen in Williamsburg und Manhattan von Mark Locke gedrehte Video, zeigt neben Cameo-Auftritten von Biff Rose and Tuli Kupferberg von der New Yorker Band The Fugs, eine den Songtext sehr gut illustrierende Geschichte. Das Video könnt Ihr Euch unten anschauen und nicht vergessen die Lyrics mit zu beachten:


Der Franzose Herman Düne in Williamsburg, NYC

August 3, 2008

Einer der ersten Menschen mit einem wirklich angemessenen Outfit, welchen ich während meines Kurztrips in New York City traf, war David-Ivar Herman Düne. In der kleinen Bar Pete’s Candy Store im Stadtteil Williamsburg des Stadtbezirks Brooklyn sah ich den Franzosen zum ersten Mal.

Aufgrund des beeindruckenden Vollbartes, den zerschlissenen Klamotten und seinem Aufenthaltsort in der hintersten Ecke des für New York typischen Hinterhofbiergarten war mir sofort klar: So sehen nur echte Amerikaner mit einem Subkultur-Hintergrund aus.

Das Herman Düne allerdings gar kein Bürger der USA und sich wahrscheinlich auch gerade so wie ich im Urlaub befand, wurde mir jedoch erst vier Tage später wirklich klar. Dann sah ich den Musiker nämlich auf der Bühne des Union Pools. Ein kleiner Club, der sich ebenfalls im Prenzlauer Berg von New York City befand.

Kurz zuvor hatte der eigentliche Anlass meiner Anwesenheit, der Anti-Folk-Held und Comic Zeichner Jeffrey Lewis, bereits eindrucksvoll bewiesen, wie man doch noch aus alten Musiktraditionen neue Facetten heraus holen kann.

Ich verdankte den Zutritt zum restlos überfüllten Club glücklicher Weise einem ergaunerten Gästelistenplatz von Lewis’ Plattenlabel. Ohne diesen wäre mir anschließend bei subtropischen Temperaturen die französische Indiepopband Herman Düne sicherlich entgangen.

Aufgrund der für New York typischen Klimabedingungen schwankte ich während des Konzertes zwischen dem mit Bläsersektion und Frauenchor angereicherten Bandsound im Innenraum und den Adam Green Lookalikes außerhalb im Hinterhof hin und her.

Als einzigste Konstante blieb vor meinem geistigen Auge das über beiden Theken befindliche Schild mit der Aufschrift: „We’re still waiting for the guy who said he’ll tipp us later“ hängen. Die Band spielte jedoch trotz der Umstände einen begeisternden Auftritt und verbreitete mit ihren melancholischen Liedern gute Laune unter dem 20-Something-Publikum.

Herman Düne begann ich jedoch erst nach meiner Rückkehr aus dem Land meiner Träume wirklich zu schätzen. Als ich nämlich nach dem Konzert erworbene CDs richtig auswertete und relevante Web 2.0 Anwendungen penible untersuchte. Dann fand ich heraus, dass Herman Düne gar keine Amerikaner, sondern oftmals mit Schweden verwechselte Franzosen sind.

Trotzdem ist meine Zeit im Williamsburger Untergrund irgendwie unzertrennbar mit Herman Düne und deren wunderschöner Musik verbunden. Der für mich wohl multikulturellsten und trotzdem amerikanischsten Band der letzten Jahre.

Herman Düne: “I Wish That I Could See You Soon”:


Diese Bahnfahrer sollten Sie meiden

August 3, 2008

Das Fahren mit den öffentlichen Verkehrmitteln ist nicht selten eine Tortur: Unplanmäßige Abfahrtszeiten, streikende Bedienste, hohes Passagieraufkommen, schlechte Verkehrsanbindungen und kaum zu ertragende klimatische Bedingungen lassen die Reise mit Zug, Bahn oder Bus zu einem notwendigen Übel werden.

Als wären die Grundbedingungen für die tägliche Beförderung nicht schon schlecht genug: Erschwert wird diese zusätzlich noch durch bestimmte Passiergruppen, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, den unbescholtenen Fahrgast unnötig zu tyrannisieren. Zur Hilfestellung für den Leser werden im Folgenden die fünf wichtigsten Gruppen und ihre Erkennungsmerkmale genannt.

1. Der Bahn-Walker

Egal wie voll das Verkehrsmittel ist und zu welcher Uhrzeit man reist: Der Passagier kann sich darauf verlassen innerhalb von einer halben Stunde mindestens mit einem Bahn-Walker in einen ungewünschten Kontakt zu treten. Der Bahn-Walker geht dabei immer ähnlich vor: Er steigt in der hintersten Möglichkeit in die Bahn ein und bewegt sich dann mehr oder minder höflich bis zum anderen Ende des Abteils.

Freie Sitzplätze interessieren ihn dabei genau so wenig, wie die Entfernung seines Fahrzieles oder die Füße seiner Mitfahrer. Auf mangelnde Kooperation oder Anteilnahme von anderen Fahrgästen reagiert er in der Regel mit Unverständnis und in besonders starken Fällen sogar mit Entrüstung.

2. Der Brummkreisel

Der Brummkreisel tritt meistens in Gruppenstärke in der Größenordnung von einer Kleinfamilie bis hin zu einer größeren Touristengruppe auf. Auch in einzeln soll er jedoch schon gesichtet worden sein. Zu erkennen ist diese Spezies meistens beim Verlassen des Transportmittels. Während sich der normale Fahrgast bemüht relativ schnell und zielstrebig zu seinem Bestimmungsziel zu gelangen, bleibt der Brummkreisel im Einstiegsbereich stehen und dreht sich orientierungslos um sich selber.

Der routinemäßige Ablauf beim Halten wird besonders erheblich gestört, wenn er in größeren Personenstärken auftritt. Von standardmäßigen Aus- und Eingangswegen hat er ebenso wenig eine Ahnung wie von Stadt- oder Fahrplänen. Außerdem hat er eine Vorliebe für Körperkontakt mit seinen Mitmenschen. Ähnlich wie beim Bahn-Walker ist auch das Ego der Brummkreisel ausgeprägt. Aus seinem Verhalten resultierende Probleme werden durch Nichtbeachtung oder Unverständnis abgeschmettert.

3. Der Einsteiger

Der Einsteiger markiert den Gegensatz zum Brummkreisel. Im Kontrast zu seinem potenziellen Artgenossen zeichnet er sich nicht durch Langsamkeit, sondern durch übereiltes Vorgehen aus. Panische Verhaltensweisen sind aber beiden Personengruppen zu eigen.
Beim öffnen der Türen stürzt sich der Einsteiger ohne Rücksicht auf menschliche Verluste in das Fahrzeug. Sein Ziel ist dabei immer gleich: Das Ergattern eines besonders schönen Sitzplatzes, bevor andere ihm zuvor kommen können.

Angesiedelt im unteren und oberen Altersspektrum lebt der Einsteiger jedoch relativ gefährlich, da die Masse der Aussteiger ihm normaler Weise immer überlegen ist. Nicht selten hat er mit mehr oder minder starken körperlichen Beeinträchtigungen zu rechen.

4. Der notorische Zeitungsleser

Die Gruppe, welche am exaktesten zu bestimmen ist, ist die der notorischen Zeitungsleser. Ein Exemplar dieser Passagier-Ausprägung ist immer im mittleren Alter, hat leichtes Übergewicht, schütteres Haar und ist mit einem Kaufhausanzug der unteren Preisklasse ausgestattet. Er tritt meistens in den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag in Begleitung eines Aktenkoffers aus Kunstleder in Erscheinung. Seiner Hauptaktivität geht ein lauter Öffnungsknall, hervorgerufen von den Schnallen seines Koffers, voraus. Gefolgt von einer Zeitungsentfaltungsarie, welche sich über mehrere Quadratmeter und Minuten erstrecken kann.

Auf ständigem Kriegsfuss steht er mit potenziellen Mitlesern. Im Gegensatz zu den anderen kritischen Passagiergruppen hat das Verhalten des notorischen Zeitungslesers jedoch den positiven Nebeneffekt, dass in seinem Umfeld kein Mitfahrer einschlafen und damit den richtigen Ausstiegspunkt verpassen kann.

5. Der Platzhalter

Auch wenn die Platzhalter überwiegend aus jungen Menschen bestehen; ein nicht geringer Prozentsatz stammt auch aus anderen Altersgruppen. Dann sind sie aber überwiegend weiblich. Weder die Personenfülle des Verkehrsmittels noch die Anwesenheit von hilfebedürftigen Personen hat dabei jedoch einen Einfluss auf das Vorgehen. Sitzplätze werden durch Taschen, Jacken, Plastiktüten oder gar Körperteilen vorreserviert. Dabei steht der beanspruchte Platz im doppelten Verhältnis zu den eigenen Körpermaßen.

Bei Zurrechtweisung durch andere Fahrgäste fügt sich der Platzhalter in der Regel immer wortlos. Er ist aber im Folgenden dann in der Lage durch subtile Einflussnahme die weitere Fahrt für seinen Züchtiger zu einer unangenehmen Angelegenheit werden zu lassen.