Die Beasts Of Bourbon existieren noch

Juni 27, 2007

Am vorletzten Samstag ist in Australien das neue Beasts Of Bourbon Album Little Animals erschienen. Obwohl die neuen Songs und Videos auf deren My Space Seite viel Gutes versprechen ist die CD oder gar LP hier in Europa nicht so einfach und zeitnah zu bekommen.
Deswegen habe ich mir erstmal als Placebomedikament die noch relativ neue DVD Low Life In Spain von dem spanischen Label Munster Records zu Gemüte geführt.

Aufgezeichnet wurde das Konzert am 21.4.2006 im Copernico Club in Madrid im Rahmen der BOB „Reuuniontour“ (wenn man bei einer so sporadisch aktiven und nie wirklich aufgelösten Band davon reden kann) mit vier Kameras und einem Multitrack Audiorecordingsystem. Diese DVD bietet also die perfekte Ergänzung zu der gleichnamigen Live CD, welche im Jahre 2003 im weltberühmten Tote Hotel in Melbourne aufgenommen wurde.

Die filmtechnische Umsetzung der DVD ist leider trotzdem nicht wirklich die Beste. So etwas ist mir aber in der Regel bei Konzertmitschnitten auch nicht so wichtig. Gitarrist und Tex Perkins Wegbegleiter Charlie Owen bekommt der Zuschauer jedoch proportional relativ wenig zu Gesicht. Es könnte fast der Eindruck entstehen, als wollten die Macher das Fehlen von Gründungsmitglied, Sympathieträger und Rhytmussection Lieferant Kim Salmon (Bassmann und Drummer der BOB waren fast immer identisch mit denen von Salmons jeweiligen Hauptbands) vertuschen. Der war zwar seit dem großartigen und letzten 1997er BOB Studioalbum Gone schon ohne nennenswerte negative Konsequenzen für den Sound der Band nicht mehr mit von der Partie, fehlt mir aber irgendwie trotzdem zum vollständigen visuellen BOB Erscheinungsbild.

Wer MTV Standards an Technik, Schnitt und Performance erwartet war bei dieser Band zum Glück schon immer an der falschen Adresse. Die Größe des Copernico Club machen wilde Kamerafahrten auch gar nicht erst möglich. Mit Beginn des Konzertes kann man jedoch sich den Gedanken nicht verwehren hier spielt eine solide, aber etwas schlaffe Alt-Herren-Pub-Band, anstatt eine der größten Bluesrockbands der letzten Jahrzehnte. Dies mag an der zu Beginn hellen Bühnenbeleuchtung, dem etwas steifen Publikum oder gar an dem fortgeschrittenen Alter der Protagonisten liegen.

Obwohl, Sänger Tex Perkins merkt man weder stimmlich noch äußerlich die vergangen Jahren wirklich an. Auch Bassist und ehemaliges Surrealists Mitglied Brain Hopper hat sich gut gehalten. Der Rest der Band, angeführt von Urmitglied Spencer P. Jones und seinem diabolischen Grinsen, zelebrieren das Altern in Würde der Traditionsmarke Rolling Stones.

Spätestens ab dem Kracher „Make ‘em Cry“ vom Album Gone senkt sich jedoch auch das Licht und die Stimmung hebt merklich an. Mehrfach Spielfehler und Tempoprobleme sind eher sympathisch als das sie ernsthaft stören würden.
Die BOB spielen im Laufe des Abends ein Best Off Set ihres tendenziell späteren musikalischen Schaffens. Vom nostalgischen Opener und Titeltrack ihres von vielen Fans als ihr bestes Werk bezeichneten 1991er Album „The Low Road“, über die inoffizielle Würdigungshymne „Bad Revisited“ für den ehemals besten Klub Hannovers und dem einzigen gelungenen AC/DC Cover von „Ride On“, bis hin zu Swamp Rock Klassikern wie „Just Right“ oder „Black Milk“ und der grandiosen Hound Dog Taylor Interpretation „Let’s Get Funky“. Sogar die Underdog Hymne „Drop Out“, geschrieben vom ehemaligen BOB Drummer und Australienrocklegende James Baker intoniert die Band wie eh und je eindrucksvoll.

Leider vermisse ich etwas neue Songs oder wenigstens eine neue Herangehensweise an altes Material. Wäre diese DVD vor 10 Jahren erschienen könnte man sie sicherlich als solide Momentaufnahme einer großenartigen Band bezeichnen. In Anbetracht der verstrichenen Zeit hätte sicher mehr passieren können.
Aber die BOB waren schon immer zuviel Spaßprojekt von erstaunlichen Musikindividualisten, als das sie sich um solche intellektuellen Musikanalysen scheren würden. Es ist trotzdem erfreulich und wichtig dass sie zurück sind. Und neue Songs scheint es nun doch zu geben, welche auch immerhin für ein komplettes Album reichen. Dann ist ein erneuter Livemitschnitt auch bestimmt gleich doppelt so spannend und hoffentlich auch bald fällig. Für Juni 2007 ist erst mal eine kleine Tour in Australien angekündigt.

Trailer der Beasts Of Bourbon DVD Low Life In Spain:


Geoff Emerick machte die Beatles!

Juni 21, 2007

Von den Bibliothekenfüllenden Büchern über die größte Band aller Zeiten ist die Autobiografie von dem Toningenieur und wahren fünften Beatle Geoff Emerick eines der ehrlichsten und interessantesten.

Bereits im Alter von 15 Jahren assistierte Emerick bei den ersten Sessions der Beatles in den Londoner Abbey Road Studios. Nach der Beförderung des George-Martin-Assistenten und Toningenieurs Norman Smith zum Produzenten übernahm der 19jährige Emerick ab 1966 diesen Job und zeichnete sich für den Sound der Beatlesalben von Revolver über Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band bis hin zu Teilen des White Album verantwortlich.

Diesen Job machte er so gut, dass er eine Vielzahl von heutigen Standardaufnahmeprozeduren mit erfand und den Sound der Beatles durch viele unorthodoxe Methoden und Studioregelbrüche maßgeblich prägte.

So steckte er Mikrophone in Kondome um Stimmen unter Wasser aufzunehmen, schickte Lennons Gesang durch Leslie-Lautsprecher von Hammondorgeln, um ihn wie die Stimme vom Dalai Lama bei einer Bergpredigt klingen zu lassen, rückte klassischen Musikern bedrohlich nah mit Mikros auf die Pelle, benutzte Bassboxen als Mikros, stopfte Bassdrums mit Klamotten und Müll voll, schnipselte Tonbändern auseinander und klebte sie wieder zusammen und viele irre Dinge mehr. Und das größtenteils auf 2-Spur, oder im günstigsten Falle auf 4-Spur Bandmaschinen (erst zum White Album leistet sich dann die EMI endlich eine 8-Spur-Maschine).

Das Bemerkenswerteste jedoch an diesem im letzten Jahr im Original und Anfang Juni 2007 in der deutschen Übersetzung erschienenden Buches sind die zwei folgenden Sachverhalte: Zum einen liefert Emerick zu dieser nahezu vollständig erforschten und ausgelutschten Thematik tatsächlich neue Erkenntnisse. Als verantwortlicher Toningenieur verfügt er über Insider-Information, hauptsächlich über die Aufnahmeprozeduren der Band und das Verhalten der relevanten Personen im Studio, welche in dieser Form noch nicht bekannt waren.

Zum anderen erzählt er seine Geschichte ohne etwas zu beschönigen. So werden weder sein damaliger Arbeitgeber die EMI, alte Arbeitskollegen, noch die Beatles selber verklärt, sondern nüchtern und aus der Subjektive des Autors dargestellt. Wie zu erwarten kommt der stille Beatle George Harrison am schlechtesten dabei weg. Nicht nur das sich Harrison als oft unfreundlicher, arroganter, dekadenter und schwer zu durchschauender Rockstar entpuppte. Er war auch oftmals nicht in der Lage seine Parts und Solies zeitnah und adäquat einzuspielen, was Soloaufnahmen von ihm nicht selten zum waren Langzeithorror für das Personal des Studios werden ließen.

Auf Lennon fällt dann auch nicht das beste charakterliche Licht im Schatten von Emericks Erfahrungen. Dies wird aber durch Lennons Genie, Humor und Charisma wieder wettgemacht. In den Augen von Emerick entpuppt sich – wie auch bei so vielen anderen Zeitzeugen auch – Paul McCartney als wirklicher Bandleader der Beatles und als ein umgänglicher und professioneller Zeitgenosse. Emerick sollte dann auch nach dem Split der Band einige von Maccas Soloalben mit aufnehmen.

Für jemanden der einen nüchtern, aber trotzdem extrem faszinieren Blick auf die Beatles erhaschen will ist dieses Buch wärmstens zu empfehlen, da in ihm fernab von mythologisierten Legenden ein Stück Alltag von nicht alltäglichen Vorgängen dargestellt werden. Für alle die nur im mindesten an Musikproduktion, Studioarbeit oder Aufnahmetechniken interessiert sind, ist dieses Werk ein absolutes Muss. Dieses Buch wird sich in den nächsten Jahren zum Standardwerk über Recordinggeschichte im allgemeinen und über die Beatles im speziellen etablieren.

Geoff Emerick und sein Co-Autor Howard Massey sprechen über das Buch und Geoffs Zeit mit den Beatles:


Die Discografie des Brian Jonestown Massacre

Juni 21, 2007

Während alte Weggefährten von Anton Newcombe wie die Dandy Warhols oder Peter Hayes (Boss des Black Rebel Motorcycle Club) längst kommerziell erfolgreiche Musiker geworden sind, blieb Newcombes aus San Franzisko stammende und nun in New York City beheimate Band, das Brian Jonestown Massacre, irgendwie immer nur ein Insidertipp.
Die 2004er Dokumentation DIG! stellte die Mitglieder des BJM sogar zu deren Verärgerung als gescheiterte Junkies dar.

Dabei ist das Kollektiv um Mastermind und Multiinstrumentalist (er soll laut Wikipedia über 80 Instrumente spielen können!) Anton Newcombe äußerst erfolgreich.
Seit Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte die Band mit einem sich stetig ändernden Line-UP (mit über 40 Musikern in 10 Jahren!) in einer extrem hohen Frequenz relativ Gute vom Sound der 1960er und 1970er Jahre beeinflusste Platten. Diese produzierten und mischten sie dann auch noch größtenteils selber.

Wenn man sich dann die vergangenen Tourdaten anschaut, fragt sich der realitätsorientierter Leser sofort, woher die Band neben Touren und Aufnahmen noch die Zeit für einen „normalen“ Job hernimmt, um sich so ein Musikerleben zu finanzieren.

Umso bewundernswerter ist es, dass man sich die nahezu komplette Discografie der Band (incl. Videos, Bilder, Playlisten, Interviews, etc.) auf deren Homepage völlig unproblematisch und kostenfrei runterladen kann.
Ich frage mich jetzt nach einer eben abgeschlossenen heißen Downloadperiode nur, wann ich das jemals alles intensiv hören soll? Deswegen werde ich wohl nun gleich mal losgehen um mir einige Alben des BJM auf CD oder Vinyl zu organisieren. Irgendwie bin ich beim Musikhörverhalten trotz Daueronline, Blog und Electronic Business doch noch altmodisch geblieben.

Dylanesque: „Going To Hell“ von dem Brian Jonestown Massacre:


Das neue Album von Reebosound und Sven Missullis

Juni 19, 2007

Lange sind die 1990er-Jahre noch nicht vergangen. Die musikalische Sozialisation im wahrscheinlich zeitlosesten Musikjahrzehnt merkt man den Hannoveraner Reebosound auch teilweise an. In der klassischen Nirvana-Trioformation wird gespielt was die Röhren und Drumfelle hergeben.

Die Bandinfo zeugt bei dieser Gruppe dann auch von einem guten Maß an Selbstrefflektion, wenn der eigene Sound mit Helden wie den Pixies oder Dinosaur jr. verwandschaftet wird. Eine Prise amerikanischer Bands der Marke Green Day, Hüsker Dü oder sogar Blink 182 sind sicherlich für manchen Hörer auch nicht ganz wegzuwehen. Umso erstaunlicher ist das dieses Projekt als 100-Prozenttiger Solotrip entstand. Die eigentliche Liveband und aktuelle Formation kam erst viel später.

Viele populären Soloprojekte sind in Wirklichkeit gar keine richtigen Ein-Mann-Unternehmungen im eigentlichen Sinne. Der Hauptprotagonist schreibt zwar oftmals die relevanten Teile der Musik und ist meistens auch für den Hauptgesang verantwortlicht, für die Instrumentierung, Produktion, Promotion, etc. zeichnen sich dann jedoch meistens die im Kleingedruckten verewigten Helfershelfer ab.

Nicht so bei Reebosound. Sven Missullis, das sympathische Mastermind dieser Band, war zu Beginn größtenteils für Songwriting, Produktion, ja sogar für Artwork und Promotion alleine verantwortlich; spielte alle Instrumente selber ein und sang auch komplett die wahrzunehmenden Stimmen.

Eine der schönsten Dinge an Musik im Allgemeinen ist, dass so viele unterschiedliche Herangehensweisen dazu existieren. Sven Missullis hat in den letzten 15 Jahren eine Vielzahl davon exzessiv ausprobiert. In jungen Jahren Anfang der 1990er Jahre als Rhythmus Gitarist der Grungeband Erol Beautiful zu lokaler Berühmtheit aufgestiegen, wechselte Missullis bald effektiv zum Schlagzeug und nahm mit der Band 11 Toes neben einer Single im Jahre 1996 auf dem Hamburger Indielabel Beri Beri Records den frühen deutschen Emocoreklassiker Pinch auf.

Mit dem Wechsel zur Stonerockkombo Payola um den Sänger/Texter Timo Lommatzsch (später The Mandra Gora Lightshow Society und heute unter anderem The Psychedelic Avengers) und Gitarrist Jens Freudenberg (heute Gods Of Blitz) folgten eine Vielzahl von beachtlichen Rockplatten und legendäre Tourneen (unter anderem mit Nordlichtern Smoke Blow und den Sissies).

Doch damit war noch lange nicht Schluss. Auf der Suche nach neuen musikalischen Horizonten verdingte sich Sven Missullis in so unterschiedlichen Positionen wie als Bassist der Disco Darlings, Sänger und Gitarrist der Freundschaftsband Zoonamii, Mischer/Produzent von Bands wie Drive By Shooting oder den Stonedudes und als viel gefragter Livedrummer.

Das bisher ambitionierteste Projekt sind sicherlich die aktiven The Psychedelic Avengers. Imaginäre, akustische Weltraumabenteuern mit unzähligen von Mitstreitern (Urlaub In Polen, Knarf Rellöm, uvm.) auf bisher zwei veröffentlichten Platten.

Nach einer Homerecording EP (schlicht „Demos“ betitelt) erscheint nun am 6. Juli 2007 auf dem kleinen aber feinen Indie-Label Two Records im Vertrieb von Broken Silence das offizielle und selbstbetitelte Reebosound Debüt. Parallel dazu ist Online ein Livealbum erhältlich. Aufgenommen wurde dies von dem potentiellen Erben des noch sehr lebendigen George Martin Willi Dammeier in einem der besten Liveclubs Deutschlands: dem Béi Chéz Heinz in Hannover-Linden.

Dieses Album kann man sich kostenlos hier runterladen. Mit fünf Songs von dem kommenden Album ein perfekter Vorgeschmack auf das neue Werk. Neue Songs und eine Tour sind bei den durch Arne Borchard und Toni Karnas zum Trio erweiterten Reebosound in Arbeit.

Denkt man bei einer kompromisslosen Hinwendung zur Musik und Kunst zunächst an die über das dafür notwendige Kleingeld verfügenden Rockstars oder Elitekünstlern wird dabei jedoch oft unterschlagen, dass dies auch im Kleinen sehr Wohl funktionieren kann. Reebosound ist der beste Beweis dafür.

Sven Missullis macht das wo er am Besten bei aussieht: Schlagzeugspielen in einem fahrenden Zug mit der Berliner Punkband Drive By Shooting:

Das Video zur ersten offiziellen Reebosoundballade „Poor Old Sun“:


Das zweite Album der Supergroup Traveling Wilburys

Juni 17, 2007

Die Traveling Wilburys waren wohl die bedeutendste Supergroup, wenn man die Relevanz der einzelnen Mitglieder betrachtet. Mit Roy Orbison war nicht nur einer der besten Pop- und Rocksänger dabei, sondern mit Bob Dylan auch einer der besten Songschreiber aller Zeiten. Ein Beatle war eben so Teil dieser Band, sowie ein wichtiger Nachfolger des Americanasounds und ein führenden Vertreter des englischen Bombastrock der 1970er Jahren. Gegen soviel Manpower kommen selbst legendäre Superbands wie die Highwaymen, Cream oder Crosby, Stills, Nash, And Young nicht gegen an. Am 8. Juni erschienen nun die kompletten, remasterten Aufnahmen der Traveling Wilburys in einer schicken Box, oder wahlweise in einem Digipack.

Das Remastern hat den beiden seit 1997 vergriffenen Wilburyalben in sofern gut getan, dass dadurch der spezielle und teilweise nervige 1980er Jahre Jeff Lynn Sound etwas neutralisiert wurde. Durch zwei Bonustracks pro Platte (unter anderem die starke Dylannummer „Like A Ship“) gibt es auch bis dahin noch nicht offiziell gehörte Songs zu bestaunen.

Highlight der Neuveröffentlichungen (die teure Box enthält noch ein umfangreicheres Booklet mit Postkarten) ist jedoch die beiliegende DVD. Neben allen offiziellen Videos befinden sich auf dieser eine wunderbare Dokumentation über die Aufnahmen zum ersten Wilbury Album. Man erfährt dort warum die Akustikgitarren sich so speziell anhören – sie wurden in einer Küche aufgenommen, weil der eigentliche Studioraum zu klein war – warum das erste Album in nur neun Tagen geschrieben und eingespielt wurde – Bob Dylan musst wieder auf seine endlose Tournee – und warum im Video zu End Of The Line nur noch eine Gitarre im Stuhl von Roy Orbison schaukelt – der Meister war kurz zuvor gestorben. Das Interessanteste ist jedoch vielleicht Bob Dylan und die anderen Musiker bei der Studioarbeit und dem gemeinsamen Songschreiben zuschauen zu können. Das ist in dieser Form selten möglich gewesen.

Ein Rätsel bleibt jedoch immer noch ungelöst. Was ist mit dem zweiten Wilbury Album geschehen? Die beiden Platten hören auf die Titel Vol. 1 und Vol. 3. Ob dies nur ein Scherz über den Erwartungsdruck an das wichtige zweite Album war, ein zweites Meisterwerk noch irgendwo in den Archiven schlummert, der Tod Roy Orbisons die Arbeit zum zweiten Werk beendete oder ob gar Tom Pettys erstes Soloalbum Full Moon Fever an dem alle Wilburys mit Ausnahme von Bob Dylan (der war gerade wieder auf Tour) mitarbeiten gar als zweites Wilburyalbum zu betrachten ist, bleibt also ungelöst.

Diese Neuveröffentlichung tröstet somit etwas über den bitteren Beigeschmack hinweg den die Tatsachen hervorrufen, dass sich dort Milliardäre schamlos in der Rolle des armen Hobo-Zirkus-Straßenmusiker gefallen und kein Rolling Stone mit von der Partie war.


Rainer Werner Fassbinder war am Ende

Juni 15, 2007

Letzte Woche war es schon 25 Jahre her, dass der deutsche Regisseur Rainer Werner Fassbinder sabbernd vor seinem laufenden Fernseher in seiner verwahrlosten Wohnung an Herzversagen kinoreif abgeritten war. Das sich noch viele Jahre später ein Witwenkrieg um einen schwulen Filmemacher entfacht hat, hätte dem Ausnahmeregisseur sicherlich gefallen.

Von den Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films war Fassbinder sicherlich mit einer der Besten, weil er nicht nur wie Werner Herzog, Alexander Kluge oder Wim Wenders neue Wege beschritt, sondern besonders spannend und einzigartig Geschichten zu erzählen vermochte.

Trotz dem merklichen Einfluss von Regisseuren wie Douglas Sirk, Howard Hawks oder Raoul Walsh blieben Fassbinderfilme immer typisch deutsche Werke. Keiner vermochte es je so gut den westdeutschen Mief der Nachkriegsjahre in Szene zu setzten wie der Sohn eines Arztes und einer Übersetzerin. Sogar bei frühen Billigproduktionen erstaunt deren hohe qualitative Umsetzung und genaue Beobachtung von gesellschaftlichen Zuständen der jungen Bundesrepublik Deutschland.

Von Vorteil für die späten Meisterwerke erwiesen sich die Erfahrungen, welche Fassbinder in seinen jungen Jahren am Theater gesammelt hatte. Zudem kam der aus dem frühen Antiteater hervorgegangene Clan um den Filmemacher – ähnlich wie John Fords Stock Company – auf den sich Fassbinder immer verlassen konnte, jedoch über den er auch uneingeschränkt herrschte. Allen voran die legendäre Hanna Schygulla, welche in einer Vielzahl von Fassbinderfilmen die Hauptrolle übernahm.

Mit 37 Jahren hatte er schon 42 Filme realisiert, viele davon sind heute Klassiker des deutschen Films. Er hatte in vielen Kinostreifen selbst als Darsteller mitgewirkt, unzählige Theaterinszenierungen realisiert, Hörspiele umgesetzt und viele schriftliche Werke (Theaterstücke, Filmtexte, Essays, Gedichte, Songtexte, etc.) zu Papier gebracht. Durch ein brutales Arbeitstempo wurde ein langjähriger Drogen- und Alkoholmissbrauch beflügelt, welcher dann auch seinen Tod beschleunigte, obwohl Gerüchte um einen Suizid immer wieder auftauchen. Das exzessive Leben hatte jedoch seine sichtbaren Spuren hinterlassen. Die Frage was da noch hätte kommen können, konnte somit nie wirklich beantwortet werden.


Die Gorilla Biscuits kündigen Europatournee an

Juni 15, 2007

Einer der ersten Bands die mich damals in den glorreichen alten Tagen zum Punk und Hardcore überredeten waren die bis heute noch unübertroffenen Straight Edge Helden Gorilla Biscuits.

Neben schneller und melodiöser Musik überzeugten mich besonders die humorvollen und guten Texte, welche tendenziell eher von einem persönlichen Standpunkt aus geschrieben waren. Selbst heute – viele Jahre später – wirken diese noch frisch, zeitlos und überhaupt nicht peinlich. Dies scheint eine seltene Ausnahme im schnell gealterten Hardcore-Punk, deren heutige Anhänger oftmals konservativer erscheinen als viele ältere Protagonisten im Schlager- oder Countrymilieu.

Während Mastermind und Wahlberliner Walter Schreifels nach der Auflösung der Gorilla Biscuits im Jahre 1991 zunächst mit Quicksand und dann später mit den Rival Schools und Walking Concert relativ erfolgreich weiter musizierte und Sänger Anthony Civarelli Ende der 1990er Jahre noch eine Quasi-Gorilla Biscuits Coverband unter seinem Spitznamen CIV formierte, ansonsten aber relativ unspektakulär in seinem Tattoostudio auf Long Island sein Dasein fristete, blieb es um die restlichen Mitglieder im Einzelnen und der Band im Besonderen relativ ruhig. Kurze Lebenszeichen der Gruppe waren die Benefizkonzerte für den legendären, damals von der Schließung bedrohten New Yorker Club CBGB’s in den Jahren 1997 und 2005.

Mit dem remasterten Reissue des sogenannten zweiten und letzten Gorilla Biscuits Albums Start Today im Jahre 2006 durch das Harcorelabel Revelation Records wurde es wieder etwas lauter um die Band aus New York City. Walter Schreifels schrieb die Liner Notes zur Wiederveröffentlichung, die Band ging in Originalbesetzung für einen knappen Monat in den USA auf Tour und sie veröffentlichten parallel eine limitierte Tour 7“ (nur 20 Stück pro Konzert) mit zwei neuen Aufnahmen.

Nach einigen Verwirrungen kündigt sich endlich eine umfangreiche und definitive Europatournee an. Ob die Konzerte nun nostalgische Gottesdienste sein werden oder auch neue Songs zu hören sein werden wird sich zeigen. Und hoffentlich kommt dann bald auch eine neue Platte mit neuen Songs.

Tourdaten:
04.09. Hamburg – Grünspan
05.09. NL-Amsterdam – Melkweg
06.09. B-Antwerpen – Hof Ter Lo
07.09. Essen – Essen Bebt Festival
08.09. Leipzig – Conne Island
10.09. Berlin – SO 36
18.09. München – Backstage
19.09. A-Wien – Arena
23.09. CH-Winterthur – Salzhaus
24.09. CH-Genf – l´Usine
01.10. Saarbrücken – Garage
02.10. Wiesbaden – Schlachthof
03.10. Schweinfurt – Alter Stattbahnhof
04.10. Köln – Kantine
05.10. Münster – Skaters Palace
06.10. Bremen – Wehrschloss
07.10. NL-Tilburg – 013

Die Gorilla Biscuits bei ihrer letzten Europatournee in Frankreich im Jahre 1991:


Spinal Tap sind endlich mal wieder zurück

Juni 14, 2007

Der Breitbandrock der 1970er Jahre hat viel Gutes getan. Ohne ihn würde Ozzy Osbourne wahrscheinlich anstatt in einer eigenen Fernsehshow den Drogengeschädigten zu mimen in einem beliebigen Fast Food Restaurant in Nordengland die Burger wenden; John Lydon wäre niemals zu Johnny Rotten geworden, Sid Vicious wäre noch am Leben und die Foo Fighters wären wohl später auch niemals dem Größenwahn verfallen. Das Beste jedoch: Ohne die großspurigen Rockstars der späten 1960er und frühen 1970er Jahre hätte es höchstwahrscheinlich auch niemals die großartigen Spinal Tap gegeben.

Der subtile Humor des legendären Spinal Tap Films besteht darin, dass neben einer Vielzahl von offensichtlichen Gags, der Zuschauer manchmal zuerst gar nicht wirklich weiß, ob die Szene jetzt ernst oder lustig gemeint ist. Wenn Spinal Tap Gitarrist Nigel Tufnel auf dem Video was unten zu sehen ist eine von Bach und Mozart beeinflusste Ballade in D-Moll intoniert, kann sich der ahnungslose Betrachter problemlos auch Freddie Mercury oder ein Mitglied der Bay City Rollers in dieser Rolle vorstellen.

Die Selbstwahrnehmung des Rocks scheint heute ähnlich ernst und oft von Selbstironie befreit angelegt zu sein wie dies teilweise in den 1970er Jahren schon der Fall war. Deswegen ist es auch doppelt erfreulich, dass die Spinal Tap mal wieder zurück sind.

Am 7. Juli spielen die Rockveteranen nämlich auf dem Live Earth Konzert im Londoner Wembley Stadion, einer von Al Gore nach dem Vorbild der Live Aid Shows ins Leben gerufene Konzertreihe, die auf allen Kontinenten stattfindet und auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen soll.

Zusätzlich läuft aber auf dem Eröffnungsabend des von Robert DeNiro ins Leben gerufenen Tribeca Film Festival in New York nächste Woche dieser neue 15minütige Film von „This Is Spinal Tap“ Regisseur und Darsteller Rob Reiner („Harry und Sally“, „Stand By Me“) über die Bandreunion.

Dort erfährt der Rockfan was die Spinal Tap Mitglieder in Zwischenzeit so alles unternommen haben. Das z. B. Nigel Miniaturpferde für Rennen gezüchtet hat, aber dann keine körperlich geeigneten Jockeys finden konnte, welche die Viecher auch reiten können, das David sich als Hip Hop Produzent verdingte und nebenbei eine Klinik für diverse Darmangelegenheiten betreibt und das Derek sich in einer Rehabilitationsklinik für Internetabhängige befand. Ob der Auftritt auf einem massiv energiefressenden Festival gegen den Klimawandel jetzt völlig ernst oder ironisch gemeint ist wird sich dann im Sommer zeigen.


Billy Corgan und der SPUN Soundtrack

Juni 11, 2007

Billy Corgan ist trotz guter Vorsätze mit der Hälfte der Smashing Pumkins zurück und die spielten letzte Woche sogar relativ erfolgreich in Berlin. Vor ein paar Jahren hieß diese Kernformation um Billy noch Zwan. Und diese Band unterstützte ihren Meister zeitweise bei dem Soundtrack zu dem Slackerjunkiesuperfilm Spun.

Neben den durch Drogenexzessen, plastischer Chirurgie und Steroidenkonsum kaum wieder zuerkennenden Mickey Rouke spielten eine Vielzahl von Rockstargrößen, wie z. B. die großartige Debbie Harry als „Kampflesbe“, der Judas-Priest-Frontman Rob Halford als perverser Pornoladenkassierer und natürlich Billy Corgan, in diesem Film mit.

Billy zeigte auch bei der Zusammenstellung der Filmmusik ein glückliches Händchen und wählte neben vielen Eigenkompositionen unter anderem auch Ozzy Osbourne, T. Rex und The Hellacopters für die musikalische Untermahlung dieses Streifens. Zwan ließen sich nicht lumpen und coverten dem Anlass entsprechend die Jugendhymnen der Generation X, The Number Of The Beast von Iron Maiden und das Scorpionsstück Loving You Sunday Morning, in akustischen Versionen. Highlight des Ganzen bleiben aber die ruhigen und sparsamen Solonummern von Billy Corgan.

Aufgrund der großen Lizenz- und Fertigungskosten, sowie der hohen Anzahl der Tracks die für Spun zusammengestellt wurden (40 Stück) ist der Soundtrack leider nie offiziel erschienen. Es bleiben dann wohl nur schlechte Bootlegs oder illegale Tauschbörsen, um in den Genuss dieser wunderbaren Musik zu bekommen. Oder man kann sich einfach den Film kaufen und anschauen.


Modest Mouse Live im Fritz Club im Berliner Postbahnhof

Juni 8, 2007

Die Band Modest Mouse um den Sänger und Gitarristen Isaac Brock hat sicherlich die kommerzielle und mediale Anerkennung verdient, welche sie gerade in der Öffentlichkeit erhält. Gegründet im Jahre 1993 veröffentlichen die Musiker aus Issaquah, einer Stadt im US-Staat Washington, seit 1996 stetig solide Indie-Platten auf fast unzählig vielen Labels, vom Indielabel K-Records bis hin zum Majorgiganten Epic Records. Am 7.6.2006 spielte diese Band im Fritz Club im Berliner Postbahnhof.

Das Konzert war wie zu erwarten frühzeitig ausverkauft. Das letzte Album vom Frühjahr diesen Jahres We Were Dead Before The Ship Even Sank war überraschender Weise auf Platz 1 in die Billboard Charts eingestiegen. Außerdem war jetzt der Publikumgarant und The Smith Gitarrist Johnny Marr mit von der Partie.

Das Publikum feierte dann zurückhaltend euphorisch bei gefühlten 60 Grad und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit die überwiegend sechsköpfige Band. Songs wurden meistens durch Begeisterungsrufe der vorderen Reihen gefeiert und frühzeitig erkannt, auf aggressives Rumgepoge oder gar Stagediving wurde erfreulicher Weise überwiegend verzichtet.

Positiv fiel relativ schnell die Instrumentierung auf. Mit zwei Schlagzeugern, von denen sich ein Drummer eher auf Perkussion beschränkt, Keyboards und akustischen Instrumenten (Kontrabass, Akkordeon, etc.) wurde ein Sound erzielt der von gängigen Rockstandards abwich. Zeitweise durfte sogar ein vermeintlicher Roadie mitspielen. Bis auf die Drummer, sowie Marr und Brock an den edelsten Klampfen, rotierte das Instrumentenkarussell auch stetig. Die Bassläufe waren aber trotzdem meistens die heimlichen Highlights des Abends.

Besonders einschüchternd war das Erscheinungsbild des Noel Gallagher Vorbilds Marr. Sein drahtiges Äußeres lies keineswegs auf einen 43jährigen Musiker, sondern eher auf einen Ende 20jährigen Studenten schließen. Seine Gitarrenmelodieläufe orientierten sich dann auch nicht an vergangenen Tagen, sondern spielten zeitlose ohrwurmartige Gitarrenläufe, welche teilweise an David Bowie Platten der Berliner Zeit erinnerten.

Hollywoodstar Susan Sarandon im Trainingsanzug an der Bar schien dies zu gefallen, auch wenn sich der Gesang aus dem Soundbrei nicht wirklich hervorhebt. Dafür sang aber Marr ungewöhnlich präzise seine Backvocals.

Das Konzert irritiert jedoch in einer Hinsicht. Auf der Bühne waren äußerst fähige und sympathische Musiker am Werke. Der Sound war im Postbahnhof nicht wirklich schlecht und man freute sich tendenziell über jeden weiteren Song. Die Arrangements waren gut und die Setlist auch ausgewogen zusammengestellt. Der Funke sprang jedoch nicht wirklich über und man hatte nach dem Konzert das leichte Gefühl zwar ein solides, aber doch auch etwas belangloses Ereignis erlebt zu haben. Vielleicht war ich aber für so einen Event auch nur nicht spirituell bereit.

Zwei Tage später wird bekannt das Sänger Brock bei einem Überfall im Gesicht verletzt worden ist und weitere Konzerte ausfallen müssen. Die Karten behalten ihre Gültigkeit und Nachholtermine sollen so schnell wie möglich angekündigt werden. Gute Besserung.

Fotos vom Konzert gibt es hier.

Nachtrag: Nachholtermine sind jetzt angekündigt worden:

03.07. Köln – Live Music Hall
04.07. Frankfurt – Batschkapp

Hier ein Ausschnitt vom Berliner Konzert, wo Isaac zu der Publikumsfrage nach seinem rotem Auge Stellung nimmt:

Video zu der neuen Modest Mouse Single Dashboard: