Der Rhythmus Berlin im Friedrichstadtpalast

Wenn der Mythos der Großstadt Berlins zum Programm erhoben wird, stehen dem realistischen Berliner (und fast jedem Auswärtigen sowieso) die provinziellen Haare schnell zu Berge. Die neue Revue Rhythmus Berlin des Friedrichstadtpalastes erzählt eine alltägliche Liebegeschichte, jedoch mit der Besonderheit, dass sie in der „Metropole Berlin“ spielt.

Inhalte oder eine zusammenhängende, stringente Erzählstruktur bilden bei diesem neuen Stück des Regisseurs und künstlerischem Leiter des Friedrichstadtpalastes, Thomas Münstermann, nicht unbedingt den kreativen Mittelpunkt. Die elementare Geschichte ist schnell erzählt: Vier Menschen verlieben sich auf den ersten Blick in einem Berliner Kino, verlieren sich und finden nach 24 Stunden des Herumirrens durch die wichtigsten Sightseeingattraktionen wieder zueinander.

Somit wurden dem Anlass angemessen auch gar nicht erst große Worte verschwendet oder komplexe Charaktere und Handlungsstränge aufgebaut, sondern in scheinbar voneinander unabhängigen Episoden wurde gesungen, getanzt (Ballett unter Leitung von Roland Gawlik) und beeindruckende Stunts aufgeführt.
Die ersten Höhepunkte markierten sicherlich das Paar Pas d’Eau mit einem Pas de deux (!?) in einer viele Meter über der Bühne schwebenden Glashalbkugel voller Wasser und die Artistengruppe Tschass mit ihren beeindruckenden Kunststücken an einem überdimensionierten Ziffernblatt einer riesigen Uhr. Dies trieb sogar dem anwesenden BDI-Vorsitzenden Hans-Olaf Henkel ein entspanntes Lächelnd auf die Lippen.

Die Stars des Abends waren jedoch die vom Publikum frenetisch gefeierten beiden Artisten The Velez-Brothers. Am so genannten „Todesrad“ führten sie so waghalsige Kunststücke auf, dass selbst dem emotionslosesten Zuschauer ein kalter Schauder über den zynischen Rücken lief. Folgerichtig bekamen sie am Ende der Aufführung von dem aus Schulklassen und Vertretern des oberen Altersspektrum zusammengesetztem, halb gefüllten Saal den meisten Applaus.

Hauptdarstellerin und Dieter Bohlen Zögling Nathalie Tineo legte zwar technisch gesehen eine solide Performance hin, wusste aber aus Mangel an nicht lernbaren Charismas nicht wirklich zu überzeugen. Auch die übrigen Darsteller wie Dominique Lacasa, Lothar Stadtfeld oder Lutz Thase zeigten zwar ihre perfekt trainierten Stimmen und Körper, setzten sich aber weder negativ noch positiv von der Masse ab.

Hauptattraktion waren jedoch auch nicht die Darsteller des Stückes. Die außergewöhnliche Videoarbeit von Timo Schierhorn, die über 700 Kostüme nach den Ideen von Kirsten Dephoff, das leidenschaftliche spielende und zeitweise auf Bierflaschen einschlagende Orchester unter der Leitung von Detlef Klemm und die 24 Bühnenbilder von Christian Wiehle unterstützten das Mammutkonzept von Thomas Münstermann eindrucksvoll.

Durch viele (oft auch durchaus störende) Umbauten kam beim Betrachter keine Ruhe, jedoch die Frage auf, wie sich ein solcher Bombast im Angesicht der knappen Kassen der Kulturindustrie überhaupt jemals rechen lassen könnte. Die Antwort lieferten während des Stückes eingeblendete Markennamen und groß angelegte Sponsoringverträge. Eine Durchaus legitime Geldeinnahmequelle, wenn man berücksichtigt, dass sich der Friedrichstadtpalast zu über 80 Prozent selber finanzieren muss.

Die deutschen Songstexte von Kante-Kopf und Ex-Blumfeld Bassist Peter Thiessen irritierten zunächst den intellektuellen Zuhörer. Gespickt mit Schüttelreimen und pathetischen Floskeln, unter anderem über alle Fassetten der Großstadt (-Liebe), wird hier der Eindruck bestätigt, dass die deutsche Sprache für Schlager- und Revuelieder wie gemacht zu sein scheint. Eine zweite Ebene oder tiefgründige Botschaften findet man in Thiessens Texten (zu Recht) nicht. Diese, dem Anlass angemessene Umsetzung, mag für die Professionalität des Autors sprechen, stellt jedoch keinen ästhetischen Zugewinn im künstlerischen Sinne dar. Ein subtiler Bruch mit der Konvention auf einem höheren Niveau hätte hier einen Reiz ausmachen können.

Für sein Revue-Debüt hat Thomas Münstermann alle Register des modernen Revuetheaters gezogen und mit einem riesigen Expertenteam ein Feuerwerk an zeitweise sogar kurzweiliger Unterhaltung abgeliefert. Hinter dieser bombastischen Fassade bleibt jedoch kaum etwas an Substanz zurückt. Dieses Stück tut keinem weh, wirkt jedoch auch nicht lange über die Aufführungszeit hinaus nach. Ein Stück an deutschem Unterhaltungstheater, was den Gegenpol zu den vielen inflationären und bedeutungsschwangeren Theateraufführungen der letzten Zeit bildet.

Für die nächsten anderthalb Jahre steht nun in Europas größtem Revuetheater der Rhythmus Berlins auf dem Spielplan und wird sicherlich auch viele Touristenherzen zu begeistern wissen.

Dieser Artikel bezieht sich auf die Aufführung vom 13. März 2007.

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