Was Elton John und Dave Grohl gemeinsam haben

März 29, 2007

Elton John war für mich schon immer unerklärlicher Weise ein Musikgeschichtliches Neutrum. Ähnlich wie Billy Joel oder Simon & Garfunkel hat mich der Engländer mit den besten neuen Haaren seit Andy Warhol nie wirklich interessiert, aber auch nie besonders gestört.

Unter objektiven Gesichtspunkten waren die umgedeutete offizielle Todeshymne für die Prinzessin der Herzen und die Überfrequentierung der weltweiten Klatschspalten eigentlich schon per se schmerzhafte Angelegenheiten; in der Regel lies das aber mein sonst so schnell zu erregendes Musikgewissen überwiegend kalt.

Diese Tatsachen bringen Sir Elton John wenn schon nicht musikalisch, dann wenigstens auf meinem subjektiven „Awarenesslevel“ in gefährliche Nähe zu „Everybody’s Darling“ Dave Grohl. Obwohl der ehemalige Nirvana-Drum-Destroyer natürlich um einiges sympathischer daher kommt als der englische Ritter, ließen mich (abgesehen natürlich von seinen genialen Drumkünsten) die Songwriterambitionen des Quasi-Südstaatler Grohl, insbesondere im Rahmen seiner Band Foo Fighters, relativ kalt.

Ausgelöst durch den Musikkritikerfilm „Almost Famous“ kam jedoch schon vor einiger Zeit in der amerikanischen Talkshow von Oberyuppie Craig Kilborn zusammen, was vielleicht schon immer mal vereint werden sollte: Dave Grohl singt Solo nur mit einer Martingitarre bewaffnet den Elton John Obersmashhit „Tiny Dancer“. Und er macht das so gut und unterhaltsam, dass ich mich schon jetzt beginne zu fragen, ob ich da nicht eventuell was falsch wahrgenommen und sträflich vernachlässig haben sollte. Eine Elton John Platte konnte ich mir jedenfalls schon organisieren und meine Foo Fighters CDs hole ich auch gleich noch mal aus dem Keller.


Shonen Knife und Ihre 120 Minutes

März 23, 2007

Meine erste intensivere Berührung mit dem heutigen Klingeltonverwalter MTV war die etwa Anfang der 1990er Jahre zuerst von dem legendären Paul King moderierte Independent-Musiksendung 120 Minutes. Besonders positive Erinnerungen habe ich an eine Folge wo Ex-Black Flag Sänger Henry Rollins als Gastmoderator einsprang. Neben großartigen Videos von den Melvins und Fudge Tunnel spielte Rollins auch das unten angeführte Video von den japanischen All-Girl-Helden Shonen Knife.

Shonen Kife wurden Anfang der 1980er Jahre in Osaka von den Geschwistern Naoko Yamano (Gesang, Gitarre) und Atsuko Yamano (Schlagzeug) zunächst als Ramones Coverband gegründet und waren dann Anfang der 1990er zum „Everybody’s Darling“ der amerikanischen Indieszene aufgestiegen. Später erfuhr ich dann das Matschbirne Kurt Cobain einer ihrer größten Fans war und das Shonen Knife die Ehre hatten im Dezember 1991 sechs Shows für Nirvana zu eröffnen.

Auch über 15 Jahre später ist für mich der amüsante Scham der japanischen Damen ungebrochen. Die kindliche Naivität gepaart mit einer soliden Video-Performance bringt mir heute (genauso wie damals) immer ein Lächeln auf die kulturpessimistischen Lippen. Um so erstaunlich ist das sich die Band nie wirklich aufgelöst hat, sondern bis heute immer noch aktiv ist und vorletztes Jahr sogar eine neue Platte veröffentlichte.

Letztes Jahr erklärte jedoch dann die zum Bass gewechselte Ex-Drummerin Atsuko aufgrund von persönlichen (die Ehe) und räumlichen (sie war nach L.A. gezogen) Gründen ihren Ausstieg aus der Band. Ein halbes Jahr zuvor war die zweite Schlagzeugerin Mana „China“ Nishiura kurz nach ihrem Ausstieg bei Shonen Knife bei einem Tourbusunfall mit ihrer neuen Band DMBQ in New Jersey ums Leben gekommen. Aus diesem Anlass spielten Shonen Knife im Frühjahr 2006 noch ein Tribute Konzert in Kyoto. Wie es weitergeht bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall waren Shonen Knife in den letzten Jahrzehnten irgendwie immer da und werden es hoffentlich auch in der Zukunft sein.


Der Rhythmus Berlin im Friedrichstadtpalast

März 14, 2007

Wenn der Mythos der Großstadt Berlins zum Programm erhoben wird, stehen dem realistischen Berliner (und fast jedem Auswärtigen sowieso) die provinziellen Haare schnell zu Berge. Die neue Revue Rhythmus Berlin des Friedrichstadtpalastes erzählt eine alltägliche Liebegeschichte, jedoch mit der Besonderheit, dass sie in der „Metropole Berlin“ spielt.

Inhalte oder eine zusammenhängende, stringente Erzählstruktur bilden bei diesem neuen Stück des Regisseurs und künstlerischem Leiter des Friedrichstadtpalastes, Thomas Münstermann, nicht unbedingt den kreativen Mittelpunkt. Die elementare Geschichte ist schnell erzählt: Vier Menschen verlieben sich auf den ersten Blick in einem Berliner Kino, verlieren sich und finden nach 24 Stunden des Herumirrens durch die wichtigsten Sightseeingattraktionen wieder zueinander.

Somit wurden dem Anlass angemessen auch gar nicht erst große Worte verschwendet oder komplexe Charaktere und Handlungsstränge aufgebaut, sondern in scheinbar voneinander unabhängigen Episoden wurde gesungen, getanzt (Ballett unter Leitung von Roland Gawlik) und beeindruckende Stunts aufgeführt.
Die ersten Höhepunkte markierten sicherlich das Paar Pas d’Eau mit einem Pas de deux (!?) in einer viele Meter über der Bühne schwebenden Glashalbkugel voller Wasser und die Artistengruppe Tschass mit ihren beeindruckenden Kunststücken an einem überdimensionierten Ziffernblatt einer riesigen Uhr. Dies trieb sogar dem anwesenden BDI-Vorsitzenden Hans-Olaf Henkel ein entspanntes Lächelnd auf die Lippen.

Die Stars des Abends waren jedoch die vom Publikum frenetisch gefeierten beiden Artisten The Velez-Brothers. Am so genannten „Todesrad“ führten sie so waghalsige Kunststücke auf, dass selbst dem emotionslosesten Zuschauer ein kalter Schauder über den zynischen Rücken lief. Folgerichtig bekamen sie am Ende der Aufführung von dem aus Schulklassen und Vertretern des oberen Altersspektrum zusammengesetztem, halb gefüllten Saal den meisten Applaus.

Hauptdarstellerin und Dieter Bohlen Zögling Nathalie Tineo legte zwar technisch gesehen eine solide Performance hin, wusste aber aus Mangel an nicht lernbaren Charismas nicht wirklich zu überzeugen. Auch die übrigen Darsteller wie Dominique Lacasa, Lothar Stadtfeld oder Lutz Thase zeigten zwar ihre perfekt trainierten Stimmen und Körper, setzten sich aber weder negativ noch positiv von der Masse ab.

Hauptattraktion waren jedoch auch nicht die Darsteller des Stückes. Die außergewöhnliche Videoarbeit von Timo Schierhorn, die über 700 Kostüme nach den Ideen von Kirsten Dephoff, das leidenschaftliche spielende und zeitweise auf Bierflaschen einschlagende Orchester unter der Leitung von Detlef Klemm und die 24 Bühnenbilder von Christian Wiehle unterstützten das Mammutkonzept von Thomas Münstermann eindrucksvoll.

Durch viele (oft auch durchaus störende) Umbauten kam beim Betrachter keine Ruhe, jedoch die Frage auf, wie sich ein solcher Bombast im Angesicht der knappen Kassen der Kulturindustrie überhaupt jemals rechen lassen könnte. Die Antwort lieferten während des Stückes eingeblendete Markennamen und groß angelegte Sponsoringverträge. Eine Durchaus legitime Geldeinnahmequelle, wenn man berücksichtigt, dass sich der Friedrichstadtpalast zu über 80 Prozent selber finanzieren muss.

Die deutschen Songstexte von Kante-Kopf und Ex-Blumfeld Bassist Peter Thiessen irritierten zunächst den intellektuellen Zuhörer. Gespickt mit Schüttelreimen und pathetischen Floskeln, unter anderem über alle Fassetten der Großstadt (-Liebe), wird hier der Eindruck bestätigt, dass die deutsche Sprache für Schlager- und Revuelieder wie gemacht zu sein scheint. Eine zweite Ebene oder tiefgründige Botschaften findet man in Thiessens Texten (zu Recht) nicht. Diese, dem Anlass angemessene Umsetzung, mag für die Professionalität des Autors sprechen, stellt jedoch keinen ästhetischen Zugewinn im künstlerischen Sinne dar. Ein subtiler Bruch mit der Konvention auf einem höheren Niveau hätte hier einen Reiz ausmachen können.

Für sein Revue-Debüt hat Thomas Münstermann alle Register des modernen Revuetheaters gezogen und mit einem riesigen Expertenteam ein Feuerwerk an zeitweise sogar kurzweiliger Unterhaltung abgeliefert. Hinter dieser bombastischen Fassade bleibt jedoch kaum etwas an Substanz zurückt. Dieses Stück tut keinem weh, wirkt jedoch auch nicht lange über die Aufführungszeit hinaus nach. Ein Stück an deutschem Unterhaltungstheater, was den Gegenpol zu den vielen inflationären und bedeutungsschwangeren Theateraufführungen der letzten Zeit bildet.

Für die nächsten anderthalb Jahre steht nun in Europas größtem Revuetheater der Rhythmus Berlins auf dem Spielplan und wird sicherlich auch viele Touristenherzen zu begeistern wissen.

Dieser Artikel bezieht sich auf die Aufführung vom 13. März 2007.


Die wirklich wahrste Wahrheit über Helge Schneider

März 4, 2007

Der Film Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler mit Helge Schneider in der Hitlerrolle muss sicherlich auch als Gegenreaktion auf den mit viel Pathos und Realitätsanspruch inszenierten „Credibility-Aufwärtungs-Streifen“ Der Untergang von Bernd Eichinger („Werner – Beinhart!“, „Der bewegte Man“, etc.) und Oliver Hirschbiegel („Kommissar Rex“, etc.) gesehen werden. Trotzdem überzeugen Schneider und Regisseur Dani Levy aufgrund von inkonsequenter, zurückhaltender Arbeit und einem demzufolge sinnlosem Tabubruch nicht wirklich.

Das Helge Schneider trotzdem ein begnadeter Imitator ist hat er in seiner Karriere schon mehrfach bewiesen. Ob nun durch das überzogene Darstellen von Alltagspersonen in seinen frühen Hörspielen der 1970er Jahre oder mit der brillanten Udo Linderberg Parodie am Ende des letzten offiziellen Schneider-Films Jazzclub.

In der nicht gerade für hochwertigen Humor bekannten Stefan Raab Show „TV Total“ wagte sich Schneider erneut spontan an eine Linderberg Hommage. Diesmal in Form des dekadenten Frank Sinatra Klassikers „My Way“, an dem sich schon Elvis Presley und Sid Vicious erfolgreich versucht hatten und zuletzt Robbie Williams grandios gescheitert war. Erst in der spontanen Improvisation offenbart sich das Talent eines Helge Schneiders und lässt mich lachend unter dem Tisch liegend zurück. Es muss halt nicht immer nur ein Tabubruch zum (kommerziellen) Erfolg führen.


Die Bud-Spencer-Soundtracks von Oliver Onions

März 3, 2007

Mir wurde neulich von offizieller Seite aufgrund von Bartwuchs und Körpergröße eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Jugendidol Bud Spencer attestiert. Dieses Kompliment hat mich an die großartigen Oliver Onions erinnert, welche praktisch den Soundtrack zu meiner Kindheit geschrieben haben.

Ob nun Hits wie „Flying Through The Air“ (1973), „Bulldozer“ (1978), „Sandokan“ (1979) oder der erfolgreichste Titel „Santa Maria“ (1980) der Oliver Onions Brüder Guido de Angelis und Maurizio de Angelis; sie alle rufen sofort Jugenderinnerungen und im besten Falle Szenen aus den großartigen Bud Spencer/Terence Hill Filmen wieder bei mir wach.

Beim Hören der Melodie von „Flat Foot Cop“ kommen mir immer noch fast die Tränen in die Augen, denn diese lief auch als in „Sie nannten ihn Plattfuß“ (auch unter dem Titel „Buddy fängt nur große Fische“ bekannt) der korrekte und kleinwüchsige Informant Scatilato von Kommissar Rizzo (alias Plattfuß, alias Bud Spencer) tot aufgefunden wurde. Ermodert vom fiesen Zwei-Finger-Joe.

Gerade weil sich Carlo Pedersoli (a.k.a. Bud Spencer) vom langjährigen Filmpartner und Schönling Terence Hill emanzipierte gehören die vier Plattfussfilme von Regisseur Steno (= Stefano Vanzina) zu den Highlights des filmischen Wirkens Bud Spencers.

Aus Respekt vor den Karrieren des Italieners Carlo Pedersoli als Olympiaschwimmer, zwölffach patentierter Erfinder, (angeblich) promovierter Jurist, erfolgreicher Musiker, Songschreiber und Produzent, unvergessender Schauspieler sowie als reicher Unternehmer verzeiht mal ihm schon mal seine Forza Italia Aktivitäten. Und die Oliver Onions Songs werde ich wohl niemals vergessen.

Die „Grandissimi“ Oliver Onions mit „Flying Through The Air“: